Dennis Riehle

  

Klimawandel


Gefahr von Realitätsverlust


War es Zufall oder doch ein göttlicher „Wink mit dem Zaunpfahl“? Kurz nach der Verkündung des Klimaschutzprogramms der Europäischen Kommission zog im Sommer 2021 über Westeuropa eine Unwetterfront hinweg, die allein in Deutschland Dutzende Menschen das Leben gekostet und immense Schäden verursacht hat. Nein, ich bin kein Leugner eines durch den Menschen mitverantworteten Klimawandels. Und doch irritieren mich gerade dieser Tage erneut Aussagen von Meteorologen: So hatte ein Wettermann auf die Frage nach der Einschätzung des aktuellen Katastrophengeschehens geantwortet: „Das ist eindeutig ein Zeichen des sich ändernden Klimas, solche Ereignisse nehmen zu“. Zwei Sätze später ergänzte er dann: „Glücklicherweise müssen wir nur alle 100 Jahre mit derartigen Extremen rechnen“.


Umweltaktivisten griffen kurz nach Bekanntwerden der Beileidsbekundungen von Angela Merkel die Klimaschutzpolitik von CDU und CSU an – und begründeten ihre Kritik am mangelnden Engagement der Union damit, dass man derzeit ja nun sehe, wohin ein ungezügelter Klimawandel führe. Offensichtliches Parteien-Bashing macht keinen glaubwürdiger. Ich bin überdies kein Wissenschaftler und verstehe wenig von Empirie. Aber ich bin bis heute nicht abschließend davon überzeugt, inwiefern es fachlich korrekt ist, singulär auftretende Wetterereignisse, die zunächst einmal in unserer Wahrnehmung zugenommen haben, letztlich zu einer nachgewiesenen Veränderung des Klimas aufzusummieren. Immerhin fordert die Theorie die Betrachtung eines Zeitraums von Jahrzehnten und Jahrhunderten, um verlässliche Aussagen treffen zu können. Ich weiß, dass ich mich mit solchen Worten nicht nur bei „Fridays for Future“ unbeliebt mache.


Denn die Einsicht, dass Klimawandel auch natürlichen Ursprungs sein können und vom Menschen dann nur bedingt beeinflussbar sind, mag nicht allen gefallen. Selbstredend: Wir machen unsere Welt kaputt, weil wir unwiederbringliche Ressourcen vernichten, die Luft verpesten und die Meere zumüllen. Aber hat die moralische Erpressung der Deutschen, sich für den Klimawandel interessieren zu müssen, möglicherweise andere Gründe als die tatsächlich stark limitierten und nur bedingt in unserer Macht stehenden Möglichkeiten, die periodisch wechselnden Klimaphasen aufzuhalten? Geht es mancher Lobbygruppe und einer zunehmenden Zahl von Parteien da vielleicht eher deshalb um Aufbauschung, Dramatik und Endzeitstimmung, weil eine aufgeschreckte Bevölkerung dann bereitwilliger ist, Maßnahmen zum Selbstzweck und zur Profilierung mitzutragen, statt sie ehrlich zu hinterfragen? Die Meinung vieler Experten, wonach die Bürger bereit wären, für den Klimawandel nicht nur den persönlichen Alltag vollends umzukrempeln, sondern auch Millionen und Milliarden in die Hand zu nehmen, mag auf den ersten Blick richtig sein.


Doch gerade Ursula von der Leyen hat dieser Tage deutlich gemacht: Es geht nicht nur um punktuelle Einschnitte, sondern um eine breitflächige Verteuerung unseres Alltagslebens, die nach meiner festen Überzeugung zu massivem Unfrieden führt, sobald die Debatte in den Mitgliedstaaten konkret wird. Denn der groß angekündigte Sozialfonds ist eine vollkommen unzureichende Antwort darauf, wie die enormen Belastungen solidarisch verteilt werden sollen. Praktisch lässt sich die Verteilung von EU-Geldern nur schwerlich gerecht umsetzen, sind alleine die Maßstäbe für den Lebensstandard in den europäischen Mitgliedsländern doch derart verschieden. Schon jetzt sind Geringverdiener mit steigenden Benzinpreisen, Heizkosten und CO2-Abgaben konfrontiert. Wieso sollten sie darauf vertrauen, dass die bereits heute fehlenden Anzeichen einer sozialen Umverteilung der Klimaschutzkosten noch kommen werden? Ich bezweifle die Beteuerungen, wonach die Öffentlichkeit hinter den europäischen Plänen steht, die die Daumenschrauben im Vergleich zur nationalen Klimaschutzstrategie nochmals deutlich stärker anziehen.


Immerhin fehlt es den Menschen vor Ort bislang an praxisnahen Alternativen zu Kunststoffverpackungen, Ölverbrennung und Dieselmotoren. Solange es an praktikablem, erschwinglichem und überall einsetzbarem Ersatz für umweltschädliche Gegebenheiten mangelt, taumelt das Verständnis für die Sinnhaftigkeit von Billionenabgaben in Richtung des Eindrucks von purer Abzocke der Schwächsten. Denn nicht nur der EU-Klimakommissar hat sich mit seinen Vorstellungen über deutlich mehr finanzielle Opfer, die wir erbringen müssten, weit von der Lebenswirklichkeit vieler armer Menschen abgekoppelt. Wenngleich man die „Klimakrise“ als eine „Jahrhundertkatastrophe“ ansehen möchte, ermächtigt sie niemanden, die Verhältnismäßigkeit von Maßnahmen aufzuheben. Das Bundesverfassungsgericht hat zwar eine generationengerechte Lastenverteilung gefordert, schlussendlich bleibt eine abschließende grundgesetzliche Beurteilung des für den Klimaschutz geplanten Steuermehraufwands in Unsummen noch ausstehend. Ja, es besteht die Chance, dass die EU mit ihrem Tempo zumindest ein Zwei-Grad-Ziel noch erreichen kann. Gleichzeitig wächst die Gefahr rapide, dass sie damit ganze Bevölkerungsschichten abhängt. Enthusiasmus in allen Ehren – aber wir können uns auch nicht erlauben, dass sich das gesellschaftliche Klima wandelt.


Schlussendlich scheint sich aber die Atmosphäre der Stimmung schon verändert haben. Denn es sollte ein Tag der Erinnerung an die Opfer der Flutkatastrophe in Westdeutschland werden. Doch das Gedenken wurde missbraucht. Mit seiner Mahnung im Anschluss an den Gottesdienst in Aachen hat der Bundespräsident ein unangemessenes und unangebrachtes Statement gesetzt, indem er sich tagespolitisch äußerte und in Wahlkampfzeiten zu einem Thema Stellung bezog, das in einem Augenblick des Innehaltens keinen Platz hat. Das Staatsoberhaupt zweckentfremdete seine Ansprache zur Positionierung für einen menschengemachten Klimawandel. Bei einem derart wissenschaftlich wie gesellschaftlich weiterhin umstrittenen Komplex und einer kontrovers geführten Debatte gehört es sich nicht, in einem solchen Moment einseitig Partei für die Umweltbewegung zu beziehen. Wenngleich viele Organisationen wie der Weltklimarat und Initiativen wie „Fridays for Future“ eindeutige Belege für den Zusammenhang zwischen CO2-Emissionen und Erderwärmung erkennen wollen, erscheint mir die Kausalität weniger offensichtlich. Denn Modellrechnungen alleine stellen noch lange keinen Beweis dar. Temperaturschwankungen auf dem Globus sind nicht neu, der anthropogene Anteil am Treibhauseffekt bleibt diskutabel. Insofern wäre es der Souveränität des Amtes von Steinmeier zumutbar gewesen, die Chance zur Polarisierung am Rednerpult auszuschlagen.


Diagnose: Anpassungsstörung


Deutschland verfällt in Aktionismus, weil eine Flut von apokalyptischem Ausmaß unendliches Leid gebracht hat. Die Meteorologen sprechen davon, dass sich solche Katastrophen durch den Klimawandel häufen werden. Gleichsam betonen sie aber, dass solch singulären Ereignisse nur alle hundert Jahre vorkommen. Niemand kann zweifeln, dass wir den Erdball ausgebeutet haben. Doch inwieweit können wir tatsächlich darauf Einfluss nehmen, dass sich das langfristige Wettergeschehen zu unseren Gunsten verändern wird? Die Vergangenheit macht deutlich, dass unser Klima schon immer erheblichen Schwankungen ausgesetzt war. Ist unter diesem Aspekt nicht manch hektisches Gebaren der Gegenwart mehr scheinheilig als ehrlich – wenn wir enorme Kraftanstrengungen aufwenden, um vielleicht eher das eigene Ego zu stärken, statt die Welt zu retten?


Mag es tatsächlich mehr als Wahlkampftaktik sein, wenn die Umweltministerin als Antwort auf die Unwetter die Solardachpflicht und ein Vorziehen des Kohleausstiegs anmahnt? Wird da möglicherweise ein natürliches Inferno missbraucht, um einer bestimmten Ideologie Vorschub zu leisten? Wird es das Klima interessieren, ob Deutschland Photovoltaik auf seine Häuser setzt und das Grubengold ein paar Jahre weniger fördert? Werden hier eventuelle Zusammenhänge hergestellt, die letztlich dem Selbstzweck einer ökologischen Anschauung dienen und nur den Stolz von Greta Thunberg und Co. befriedigen sollen? Ab und zu tut es gut, Gottgegebenheiten mit etwas mehr Gelassenheit zu betrachten. Ich will keinesfalls in Frage stellen, dass es unserem Trabanten förderlich wäre, wenn wir unser kapitalistisches Konsumverhalten hinterfragen.


Denn es gibt genügend Alternativen zu unserem derzeitigen Verbrauch an Ressourcen, die weitaus weniger soziale Strapazen abverlangen würden, als ein möglicherweise erfolgloser Versuch, eine auch ohne unser Zutun herannahende Veränderung mit künstlicher Aufgeregtheit abwenden zu wollen. Ist es uns – und vor allem der Politik, den selbsternannten Klimaschützern und den demonstrierenden Jugendlichen – all die Angst und Furcht einer großen Mehrheitsbevölkerung wert, die sich durch den Alarmismus und das betriebsame Visionieren über explodierende Spritpreise, verbotene Ölheizungen und Unmengen an Investitionen der Dämmung schon heute in Existenznöten sieht? Statt des krampfhaften Ankämpfens für ein fiktives 2-Grad-Ziel, das uns nicht nur Milliarden kosten, sondern auch den gemeinschaftlichen Frieden in erheblicher Weise stören wird, würde ich mir Besonnenheit wünschen – weil es nicht das erste Mal in der Menschheitsgeschichte wäre, dass wir Wandlungsfähigkeit bewiesen haben.


Es ist müßig und anmaßend, kurze Zeit nach dem Verlust von weit mehr als 150 Leben darüber zu spekulieren, was man hätte besser machen können. Genauso fruchtlos ist es aber, reaktionistisch nach weiteren Maßnahmen zu rufen, deren Verhältnismäßigkeit man angesichts der Kosten-Nutzen-Rechnung – also ihres potenziellen Effekts auf das Weltklima im Vergleich zu den Aufopferungen, die dafür erbracht werden müssen – arg bezweifeln sollte. In der Psychologie würde man jenen, die Realitäten nicht annehmen können und stattdessen die Flucht in Utopie und Unstetigkeit antreten, eine Anpassungsstörung attestieren – und man würde ihnen empfehlen, sich mit den durch die vorbestimmte und nur in begrenztem Umfang suggestible Faktizität neu gesetzten Grenzen anzufreunden. Nutzen wir unsere Kräfte und das Geld, uns krisensicher zu machen – und schmeißen wir es nicht einer gesteigerten Hyperthymie in den Rachen, die einem blinden Zeitgeist folgt.


Sirenen statt Solar


Die „Grünen“ möchten Milliardeninvestitionen in den Umweltschutz, fordern eine zeitnahe und dramatische Anhebung des CO2-Preises und wollen in einer allfälligen Koalition ein eigenes Ministerium mit Vetorecht schaffen, welches jedes Gesetz blockieren kann, sofern es nicht zur Einhaltung des Pariser Klimaschutzabkommens und dem 1,5-Grad-Ziel beiträgt. Nicht nur, dass gerade mit letzterem Punkt verfassungskonforme Gepflogenheiten außer Kraft gesetzt würden, weil bisher die Richtlinienkompetenz im Kanzleramt liegt – wieder einmal blieb die Partei auf ihrer Pressekonferenz mit den beiden Parteivorsitzenden im Vorfeld der Bundestagswahl 2021 besonders auf der Einnahmen-Seite vage:


Woher kommen die Unsummen, die in die verschiedenste Projekte gepumpt werden sollen, die durch ihre deutsche Singularität wenig effektiv bleiben dürften? Und was entgegnet man bei Baerbock und Habeck auf die Vorhaltung, ihr „Energiegeld“ komme vor allem Besserverdienern zugute? Wer zahlt also die Zeche für einen zeitgeistigen Aktionismus, der den „kleinen Mann“ gerade deshalb besonders stark beuteln wird, weil seine Möglichkeiten zur Einsparung beim Treibhausgasausstoß nicht nur wegen finanzieller Knappheit, sondern vor allem aufgrund ausbleibender technologischer Alternativen begrenzt sind – und er auch künftig in seinem oftmals ländlichen geprägten Lebensumfeld auf konventionelle Ressourcenträger angewiesen sein wird?


Und ob nun bei der Öko-Partei, „Fridays for Future“ oder selbsternannten Klimarettern: Auch die Frage nach der Relation, dem Zweck und der Verhältnismäßigkeit der Ausgaben bleibt. Ist es sinnvoll, den zweifelsohne von den Menschen mitverantworteten Klimawandel mit derartigen Größenvolumina zu bekämpfen, ohne letztlich zu wissen, ob dieses Engagement nicht einfach verpuffen wird? Letztlich war das langfristige Wetter auf der Erde schon immer großen Schwankungen unterworfen und führte wiederkehrend und in gleichsam regelmäßigen Abständen zu Extremereignissen. Die Ursache ihrer vermeintlich zunehmenden Frequenz kann bis heute lediglich in der emissionsgesteuerten Klimaerwärmung vermutet, aber wegen des zu kurzen Beobachtungszeitraums nicht abschließend empirisch oder evidenzbasiert untermauert werden.


Ist es unter dieser Maßgabe also nicht eher empfehlenswert, weniger Kraft und materiellen Aufwand in den Widerstand gegen manch eine Gottgegebenheit zu stecken und dafür mehr liquide Mittel zur Anpassung der Bevölkerung auf gewisse Unabänderlichkeiten bereitzustellen? Und wäre es demnach nicht auch zielführender, Millionen für die Reaktivierung aller Sirenen in den deutschen Kommunen, die Erstellung von Gefahrenplänen für sämtliche unwetterbezogenen Risikogebiete und eine staatlich unterstützte Elementar-Pflichtversicherung lockerzumachen, statt mit Milliarden die Subvention von Solardächern zu finanzieren – deren Anschaffung den Geringverdiener trotz staatlicher Unterstützung um seine Rücklagen bringen und deren Umsetzung an vielen Orten schon technisch und geografisch bedingt scheitern wird?


Die sogenannte „Identitätspolitik“, wie sie gegenwärtig verstanden wird, nimmt immer fragwürdigere Züge an. Wenngleich man beim Kampf gegen den Klimawandel sicherlich nicht von Anliegen Einzelner sprechen kann, da sie mittlerweile von einer breiten Masse der Gesellschaft mitgetragen werden, so sind die von „Fridays for Future“ vorgebrachten Forderungen durchaus als Partikularinteressen zu bezeichnen – gehen sie in ihrer Tragweite doch erheblich über das hinaus, was die Durchschnittsgesellschaft im persönlichen Beitrag für den Umweltschutz in Deutschland als tragbar, zumutbar und verkraftbar ansieht.


Insofern scheint es durchaus angebracht, die mediale und öffentlichkeitswirksame Darbringung der Erwartungshaltung von einer durchaus beträchtlichen, aber nicht mehrheitlichen Vielzahl von Jugendlichen kritisch zu hinterfragen. Denn Appelle wie jene nach einer zwölffach erhöhten Parkgebühr in Konstanz oder der Verhinderung einer geplanten Gasleistung hier vor Ort muten wieder einmal aktionistisch und einseitig an.


Statt sich für eine konstruktive Mischung aus Anreizen, Subventionen und Edukation auszusprechen, setzt man beim organisierten Protest der Jugend erneut auf Versagung und Verbot. Da die Erderwärmung von Menschen aber lediglich mitverursacht ist, kann sie auch nur bedingt durch ihn in Schach gehalten werden. Insofern vermag das hektische Agieren der jungen Leute nicht zuletzt auch einem Eigennutz zuträglich sein, nämlich der Selbstdarstellung einer lange Zeit politisch wie gesellschaftlich weniger stark berücksichtigten Generation, die nun aus Enttäuschung über ihre Zurücksetzung aufbegehrt und von sich behaupten, dass sie die Einzigen seien, die den Klimawandel wirklich verstanden haben.


Dass uns mittlerweile Thunberg und Neubauer die Welt erklären wollen, darf getrost einem gekränkten Ego geschuldet sein. Doch letztlich wollen die Menschen wissen, wie sie künftig ihren pflegebedürftigen Angehörigen in die innerstädtische Arztpraxis bringen sollen, wenn Fahrverbote und unbezahlbare Parktickets Realität werden. Oder sie möchten erfahren, wie sie Klimaneutralität ihres Eigenheims erreichen sollen, wenn die Ausrichtung ihres Hauses nicht der Sonneneinstrahlung entspricht und damit weder Photovoltaik, noch der vielerorts fehlende Fernwärmeanschluss zur Umsetzung in Frage kommen – und dann auch noch die Gasversorgung unterbunden werden soll.


Uns wäre geholfen, würden wir uns weniger krampfhaft auf markige 1,5-Grad-Ziele fokussieren und uns einen zivilisatorisch angemessenen Lebensstandard verunmöglichen, dafür aber Kraft und Geld in die Anpassung an gewisse Unabänderlichkeiten investieren, zu denen die Entwicklung des Klimas eindeutig gehört.


Mail: Riehle@Riehle-Dennis.de