Dennis Riehle

  

Mein Glaube im Hier und Jetzt

 


Gott muss sich gar nicht belegen!
Zwischenruf zur zunehmenden Suche nach einem Gottesbeweis
Zwischenruf_Gott muss sich gar nicht beweisen.pdf (9.92KB)
Gott muss sich gar nicht belegen!
Zwischenruf zur zunehmenden Suche nach einem Gottesbeweis
Zwischenruf_Gott muss sich gar nicht beweisen.pdf (9.92KB)


Gedankenimpuls zur Liebe Gottes...
"Sie ist die Präambel zu den Zehn Geboten!"
Gedankenimpuls_Sie ist die Präambel zu den Zehn Geboten.pdf (18.55KB)
Gedankenimpuls zur Liebe Gottes...
"Sie ist die Präambel zu den Zehn Geboten!"
Gedankenimpuls_Sie ist die Präambel zu den Zehn Geboten.pdf (18.55KB)


„Mit der Institution ‚Kirche‘ habe ich endgültig abgeschlossen!“

 

Ja, ich bin kirchlich sozialisiert. Und das ist auch gar nicht schlimm. Denn über viele Jahre – oder gar Jahrzehnte – war ich gerne Mitglied in dieser Institution, die ihren Mitgliedern den christlichen Glauben näherbringen soll und gleichsam Gemeinschaft erzeugen möchte, um das Gefühl von Geborgenheit, Sicherheit und Halt zu vermitteln. Intensives Engagement habe ich in die evangelische Kirche eingebracht – und bereue es nicht. Denn ich habe von dort viel Gutes mitnehmen dürfen, habe mich mit Leidenschaft der stundenlangen Gemeindearbeit hingegeben – und war stets gewillt, sogar beruflich der Kirche dienen zu wollen. Letztendlich war ich spätestens nach meiner Konfirmation derart vom Protestantismus geprägt worden, dass man mich durchaus als „bibeltreu“ oder gar „evangelikal“ bezeichnen konnte. Und meine Überzeugung vom allmächtigen, eingreifenden und behütenden Gott schien damals noch unerschütterlich.

 

Und zweifelsohne ist mein Glaube heute gefestigter denn je, aber weit von dem entfernt, was ich einst für richtig hielt. Mittlerweile bin ich der festen Meinung, dass nicht die Kirche vorgibt, was Christsein bedeutet. Viel eher sehe ich den Einzelnen in der von Gott gegebenen Entscheidungsfreiheit, über Gut und Böse befinden zu können (vgl. 1. Mose 3,5). Doch das entbindet den Klerus keinesfalls von seiner wesentlichen Aufgabe der Verkündigung, der Weisung und Orientierung, vor allem aber der Seelsorge. Dabei gilt es, die wesentlichen Gesichtspunkte der christlichen Moral und Ethik einzuhalten. Zudem bedarf es aber schlichtweg auch völlig irdischer Humanität im Umgang mit den „Schäfchen“, die der Kirche anbefohlen sind und sich letztlich darauf verlassen, besonders dort in einem gehegten Rahmen zu sein. Für mich war diese Bedingung von Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Obhut wesentlich für ein vertrauensvolles Miteinander und meinen Zuspruch zu dieser Organisation.

 

Doch wie sehr die Einrichtung von Menschenhand geprägt und geleitet wird, musste ich recht schmerzhaft erfahren. Nein, ich habe keinen Missbrauch erlebt und keinerlei Nötigung. Stattdessen würde ich es als „strukturelles Mobbing“ bezeichnen wollen, was mir während der Zeit meines Ehrenamtes und danach zuteilwurde. Über Jahre habe ich Kraft und Energie investiert, um nicht nur meine Gemeinde voranzubringen, sondern auch darüber hinaus dazu beizutragen, dass die Anhängerschar der Botschaft Christi in die Welt getragen wird. Ich wollte jedoch nie etwas von „Mission“ hören, denn blankes Überreden durch die Vortäuschung der Ewigkeit war nicht mein Stil. Schlussendlich ging es mir darum, diejenigen zu überzeugen, die auf der Suche nach einer spirituellen Richtschnur waren und unbeeinflusste Offenheit für ein Bekenntnis zeigten, das nach meinem Verständnis von der Bereitschaft zur freiwilligen Nachfolge Jesu geleitet ist.

 

Schon früh stand für mich fest, dass auch ich einmal auf der Kanzel stehen möchte. Der Berufswunsch des evangelischen Pfarrers reifte bereits in der Pubertät heran, wurde dann aber schlagartig von einem ranghohen Geistlichen zerstört. Statt des Zuspruchs, ein entsprechendes Studium anzutreten, wurde ich mit der Aussage konfrontiert: „Die Kirche braucht keine psychisch kranken Seelsorger“. An dieser Stelle sei erwähnt: Im vertraulichen Gespräch hatte ich einige Zeit zuvor offengelegt, dass ich schon seit der Jugend an einer schweren Zwangserkrankung litt und deshalb auch klinisch wie ambulant betreut werde. Doch ist das wirklich ein Grund, einem Anwärter auf eine theologische Ausbildung ausgerechnet in jenen Dekaden, in denen die Zahl derer, die sich für solch einen Weg entscheiden, ohnehin gering gewesen ist, auf diese plumpe, rücksichtsvolle und übergriffige Art und Weise die Aussicht auf einen geistlichen Job derartig madig zu machen?

 

Und nur wenige Wochen später legte man von Seiten des Klerikers noch eine Schippe obenauf: Nachdem ich mittlerweile schon im Alter von 20 Jahren war, hatte sich unter den Gemeindemitgliedern die Verwunderung darüber breitgemacht, weshalb ich denn noch immer ohne weibliche Begleitung in den Gottesdiensten erscheinen würde. Schnell war ein Gerücht geboren – und man bat mich zum seelsorgerlichen Gespräch. Dort brachte wiederum dieser prominente Geistliche Sorge zum Ausdruck: „Unter allen Umständen, von denen ich weiß, gehe ich deinerseits von einer homosexuellen Neigung aus. Ich denke, es ist durchaus verständlich, dass wir Schwule im eigenen Interesse nicht in der Jugendarbeit beschäftigen können“. Nein, das war keinesfalls nur ein Schlag ins Gesicht. Das war Diskriminierung, Ausgrenzung, Voreingenommenheit, Menschenfeindlichkeit und Homophobie – und all das auf Grundlage von bloßen Vermutungen.

 

Wenngleich es für mich anfangs schwer vorstellbar war, dass solche Vorurteile auch in unserer Gegenwart in einer evangelischen Landeskirche noch derart immanent auftreten, wusste ich nun zumindest, woran ich bin. Dass in Gemeindekreisen seit langem getuschelt wurde, sobald ich das Gotteshaus betrat, war mir natürlich nicht verborgen geblieben. Dass nach jahrelanger Nutzung meiner Ressourcen und wenig empathischer Gegenliebe ein solcher Affront aber gleichsam schamlos ausgenutzt wurde, um mich zu brüskieren, war dagegen beispielhaft. Zusammen mit der bis zu diesem Augenblick ausgebliebenen Antwort der Kirche auf meine Frage nach dem „Wieso so viel ungerecht verteiltes Leid auf der Welt?“, die sich aus dem persönlichen Grund meiner zunehmenden Multimorbidität stellte, war das Porzellan der Gewissheit endgültig zerschlagen worden – und ich trennte mich nach 27 Jahren von meiner mir lieb gewonnenen Kirche.

 

Doch unbestritten wäre ich eine durchaus leichte Beute gewesen, um mich in die Reihen der Gläubigen zurückzuholen. Immerhin hatte mich auch mein kurzzeitiger Ausflug in die Welt des evolutionären Atheismus gleichermaßen irritiert, wie zuvor schon meine Kirchenmitgliedschaft. Denn ich spürte für mich persönlich, dass sich die existenziellen Anliegen des Erde nicht allein mit Rationalität und Sachlichkeit erklären lassen. Dass die Zentrierung des Menschen und seine Überheblichkeit langfristig zwar Fortschritt ermöglichen werden, mag zwar durchaus richtig sein. Dennoch meine ich, dass wir gut daran tun, uns eben nicht in den Mittelpunkt zu stellen. Denn nicht nur der soziale Friede ist durch transhumanistische Tendenzen gefährdet, weil er Ungleichheit bringt und Bevölkerungsteile bevorzugt. Gleichsam hat die Welt schon oft genug erlebt, wie es am Ende ausgeht, wenn das Individuum versucht, sich selbst zu überholen.

 

Insofern war mir klar: Die christliche Verwurzelung will ich nicht aufgeben, zumal mir mein Gottesglaube zumindest im innersten Herzen nie verlorengegangen war. Doch ich war entschieden der Ansicht, dass Lehren, Dogmen und menschgemachte Moralvorstellungen in meiner Weltanschauung keine Zukunft mehr haben. Nein, ich war stets gegen die sogenannten „Quilt-Christen“, die sich nach Belieben aus den Angeboten des spirituellen und esoterischen Marktes eine „Wohlfühlreligion“ zusammensuchen, die letztlich auf ihre momentane Lebenssituation passt – und je nach Gutdünken an die derzeitige Lage angepasst werden kann. Denn ich bin mir sicher, dass religiöse Überlieferungen durchaus eine „Ewigkeitsklausel“ besitzen – und damit nicht dem „Mainstream“ geopfert werden können. Das gilt insbesondere für jene ethischen Vorgaben der Heiligen Schrift, die mit unseren Grundrechten korrespondieren und in ihrer Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit die Zeit überdauern. Sie sollten im besten Sinne „konserviert“ werden.

 

Daneben braucht es gerade für die Allegorien der Bibel eine kritische Exegese, die zwar den Wahrheitsgehalt der Aussagen nicht schmälert, aber sie in den Bezugsrahmen der heutigen Lebenswirklichkeit stellt. So ist es völlig unabdingbar, dass nicht das Wort als Maßstab für die Glaubwürdigkeit der Gleichnisse herangezogen werden kann, sondern ihre Bedeutung, die im Kontext jeder Epoche neu zu bewerten ist. Diese, meine Auffassung vom christlichen Dasein schmeckt allerdings vielen Klerikern ganz offenkundig nicht. Denn mein Streben, in die protestantische Kirche zurückzukehren, erhielt erst vor kurzem einen Rückschlag: Nachdem ich meine Gedanken publiziert habe, erreichten mich viele Rückmeldungen, auch von mehreren Pfarrern. Ich möchte daraus nur einige Sätze zitieren: „Mit Ihren Auffassungen tragen Sie Eulen nach Athen!“ oder „Was wollen Sie denn noch in der Kirche?“ und “Wenn ich Ihre Texte lese, erkenne ich, dass Sie theologisch leider keine Ahnung haben und Ihr fachlicher Ausdruck grottenschlecht ist“.

 

Diese Arroganz der vollmundigen Hirten ist nach meiner Sicht neben all den Missbrauchsskandalen, der Steuerbelastung, der Benachteiligung der Frau und einer rückständigen Sexuallehre für den massenhaften Austritt aus den Kirchen unbedingt mitverantwortlich. Denn wer das „Priestertum aller Gläubigen“ so offenbar nicht verstanden hat, der beweist ziemlich eindrücklich, dass es mehr um Macht und Vermessenheit, statt um Agape geht. Deshalb kann ich unter dem Strich abschließend nur zu dem Erkenntnisgewinn gelangen, dass die Institution für mich endgültig abgehakt ist und ich mich als konfessionsfreier und in Seelsorge und als Laienprediger ausgebildeter Christ ganz unabhängig jeglicher Organisation für meine eigene und die geistliche Weiterentwicklung von interessierten Menschen einsetzen werde, welche im Bewusstsein gereift sind, sich ihre Glaubensüberzeugung nicht länger diktieren zu lassen, sondern mutig genug sind, um für sich ein freies Bekenntnis zu artikulieren, auf dessen Grundlage sie die tatsächlichen Werte von christlicher Religiosität authentisch zum Ausdruck bringen und mit dem sie sich aus ihrer eigenen Urteilsgabe vorbehaltlos und selbstbestimmt identifizieren können.  



Einmal säkulare Szene – und zurück, bitte!


Wie soll ich mir die Auferstehung Jesu tatsächlich vorstellen? Warum soll gerade er denn nun dieser Sohn Gottes sein? Und wie ist er in den Himmel aufgefahren? Lange Zeit sprach ich das Glaubensbekenntnis mit, ohne mir wirkliche Gedanken darüber zu machen, was ich dort eigentlich wiedergebe. Und überhaupt: Warum greift Gott nicht in das Geschehen der Welt ein, wenn man ihn am meisten brauchen würde? Die klassische Theodizée-Frage erreichte mich nicht umsonst, als ich selbst merkte, dass die Kirche keinesfalls der Ort von Heiligkeit ist, für den ich ihn lange gehalten hatte. Ausgrenzung aufgrund sexueller Orientierung, wegen seelischer Probleme, ein wahrlicher Spießrutenlauf durch die zahlreichen Anfeindungen von Geistlichen und auch Laien waren irgendwann zur Tagesordnung geworden. Und ich zweifelte tatsächlich: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“. Gesundheitliche Leiden plagten mich, der soziale Halt, den die Gemeinde geboten hatte, war verschwunden – und ich spürte, dass auf keines meiner Gebete noch eine Antwort kam.


Dabei hatte ich über viele Jahre eine Menge guter Erfahrungen gesammelt. Mit großer Freude die Ausbildung zum Prädikanten und in der Seelsorge absolviert, in der Gemeinde viel Sinnstiftendes erlebt, Gottesdienste gestaltet, Konfirmanden unterrichtet, Andachten gehalten. Doch plötzlich war ich für die Jugendarbeit nicht mehr der Richtige, war die Citypastoral kritisch geworden, weil ich die katholischen Vorgaben nicht hinnehmen wollte – und diejenigen Mitchristen, denen ich noch vor ein paar Wochen freundschaftlich begegnet bin, wechselten unverhohlen die Straßenseite, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Wie sollte also ein theistischer Gott aussehen, der hierbei tatenlos bleibt, zusieht, ohne ein Zeichen zu senden? Jahre ließ ich vergehen, die Skepsis wurde immer größer. Schlussendlich die Frage: Kann ich weiterhin einem „Verein“ angehören, der mich offenbar nicht will und dessen Grundlagen ich mittlerweile kaum noch überzeugt mitgetragen habe, lediglich aus dem Umstand, weil „man“ es eben so macht? Die Antwort kam eines Nachts: Am nächsten Morgen unterschrieb ich meine Austrittserklärung aus der Kirche – und erlebte einen befreienden Moment.


Recht engagiert orientierte ich mich neu: Humanismus sollte es sein. Über ihn hatte ich mich bereits im Vorfeld informiert und war begeistert von den Überlegungen, die er teilte. Der Einstieg in die säkulare Szene fiel somit leicht, öffnete ich mich doch den Weltanschauungen zwischen Atheismus und Freidenkertum, um zu erfahren, wo künftig meine eigene Heimat sein sollte. Zweifelsohne ist es in einer sich anscheinend kirchenferner entwickelnden Gesellschaft aber dennoch schwierig, mit anderen Gleichgesinnten in Kontakt zu kommen. Nach Gründung der „Humanistischen Alternative Bodensee“ mit einigen Mitstreitern wurde deutlich, dass sich all diejenigen, die keiner Kirche angehörten, nicht zwingend daran interessiert sind, sich für eine humanistische Orientierung auch wirklich einzusetzen. Die Erfahrungen aus der „Institution Kirche“ schreckten viele ab, sich neuerlich an eine Organisation zu binden – egal, wie offen man sie auch gestaltet. Und nicht wenige Menschen sind zwar konfessionsfrei, aber nicht gleichsam ungläubig, sondern viel eher agnostisch denkend.


Doch das waren nicht die einzigen Probleme: Der „Evolutionäre Humanismus“ gibt sich nicht nur kirchenkritisch, er zeigt sich in Teilen sogar extrem. Mit einer rigorosen Ablehnung von Religion wird der Andersdenkende nicht selten diffamiert. Jene, die – wie ich – den Respekt vor jeder Form des Glaubens als notwendig ansehen, werden nicht selten als Unterstützer der Kirchen beschimpft, als immer noch nicht vom Christentum Losgelöste. Ein Schwarz-Weiß der besonders deutlichen Linie, das in Teilen weit über die Attacken hinausgeht, die mir aus kirchlichen Reihen geläufig waren. Der Humanismus wurde bis auf die Spitzen des Denkbaren getrieben – die Selbstverherrlichung des Menschen findet nicht nur in den Aussagen zur Existenz eines Gottes ihren Ausdruck, nach denen sich der Einzelne selbst zum Mittelpunkt des Universums zu erklären vermag. Darüber hinaus spricht er sich durch das Gedankenexperiment eines grenzenlosen Transhumanismus die eigene Fähigkeit zur Reflektion und des Schutzes vor seinen persönlichen Allmachtsphantasien ab. Nicht zuletzt überhöht er sich einer Ethik, die das Angewiesensein auf eine Solidarität untereinander formuliert, indem er den Individualismus einem Anspruch auf Leben aller Menschen vorzuziehen scheint. 


Schließlich fiel auch auf, dass die Antworten von atheistischer Seite auf wesentliche kritische Betrachtungen einer Ideologie der Gottlosigkeit spärlich waren. Oftmals wird auf die Evolution verwiesen, die zum Zustand der heutigen Galaxien geführt haben soll. Der Urknall als deren Anfang bleibt in seiner Entstehung trotz zahlreicher Erklärungsversuche aber bislang noch immer nebulös. Der Wahrheitsanspruch des Atheisten dagegen wächst weiter – und das oftmals ohne nachhaltige Belege, die wiederum von den Religionen eingefordert werden, dort aber gleichsam obsolet sind, liegt zwischen Glaube und wissenschaftlichem Anspruch auf Realität doch bekanntlich der Gedankenfehler, Äpfel mit Birnen vergleichen zu wollen. Und ebenso die „Natur“. Sie soll den Zusammenhalt der Welt begründen. Doch niemand aus dem säkularen Kreise fragt ernsthaft nach deren Ursprung. Die verherrlichten „Natur-Gesetze“, sie lassen uns zwar nachvollziehen, aber nicht verstehen, wo die Basis all des Wundersamen liegt, das mancher Atheist so krampfhaft als Träumerei und „Heiligen Geist“ zwischen unserem Himmel und der Erde verspotten will.


Substantielle Antworten waren begrenzt, wenn ich auf die Zeit von insgesamt vier Jahren blicke, in denen ich bisher die säkulare Bewegung beobachtet habe. Da machen sich „Spaghettimonster“ viel eher lustig darüber, dass Kirchen an ihren Traditionen festhalten, während sie selbst mit Nudelsieben auf dem Kopf den Anspruch auf gesellschaftliche Anerkennung erhoffen. Ja, Religionsfreiheit muss auch das aushalten. Doch gleichsam ist der Rundumschlag gegen alles, was mit Religion zu tun hat, ebenso ein erfolgloser Versuch, der Menschheit ihren Glauben austreiben zu wollen. Da tummeln sich im Spektrum des Säkularen nicht wenige Linksradikale, die ihr Freidenkersein mit der politischen Ambition einer unkritischen Russlandfreundlichkeit und sozialistisch bis kommunistisch angehauchten Systemkritik verbinden, ebenso wie rechtslastig anmutende Islamfeinde, die ihren Atheismus als Beweggrund für alles Religiöse auch dafür hernehmen, rassistisch orientierte Hetze gegen Muslime zu begründen. Nicht, dass es solche Phänomene nicht auch unter gläubigen Menschen gäbe. Doch keinesfalls ist der humanistische Atheismus so friedlich, wie er es oft vermitteln möchte. Die fehlende Wertschätzung des Glaubens im Allgemeinen macht den Säkularismus nicht selten zu einer emotionslosen Philosophie, die man als Distanzierter durchaus auch als Kälte deuten könnte.


Daneben sind auch die notwendigen Positivaussagen des Humanismus wenig stichhaltig geblieben. Eine Überzeugung von der eigenen Persönlichkeit, ein Glaube an die Vernunft und an den Realismus aller Dinge – das sind keine wirklichen Antworten auf die Sinnfragen, die die Menschen umtreiben. Die säkulare Bewegung hat es verpasst, ein Konzept zu entwickeln, mit dem sie auch die Gefühle anspricht, die nicht nur nach Karl Marx nötig sind, wenn er die Religion nicht vollkommen zu Unrecht als Opium ansieht, das uns geistigen und gleichermaßen eben auch geistlichen Halt gibt in einem Hiersein, zudem nicht nur die Höhen, sondern eben gleichermaßen die Tiefen gehören, in denen es Hoffnung braucht. Da hilft uns nicht das Erklärbare, sondern die stützende Kraft des Visionären, egal, wie stark mein Glaube an einen Gott ist. Der alleinige Blick auf das zu Greifende ist dann nicht ausreichend, wenn „soft skills“ gefragt sind. Nutzt es einem Jeden von uns wirklich, mit stoischer Klarheit auf das rein Materielle durch die Welt gekommen zu sein, wenn wir aus purem Idealismus letztlich doch seelisch verhungern? Da geht es um mehr als Mitmenschlichkeit, da geht es vor allem auch um persönliche Weitsicht mit dem eigenen Ich und in der nachhaltigen Gestaltung des Zusammenlebens unter dem Eindruck einer Demut, die dem Umstand unserer Rolle in dieser Schöpfung vollkommen gerechtfertigt ist.


Nein, einen humanistischen und säkularen Blick auf die Gesellschaft, auf mein Leben und auf die Zusammenhänge des Universums habe ich nicht verloren. Doch er kann nur Teil einer religiösen Überzeugung sein, die einerseits auf einer Basis gemeinsamer Wertvorstellungen, Vorbilder, Werte,  Bräuche, Ideale und andererseits eines Glaubens zu fußen versucht, der sich nicht mit Belegen einer augenscheinlichen Wirklichkeit zufriedengibt, sondern zu Ehrfurcht vor etwas deutlich Größerem und potenziell kausal Begründbarem bereit wäre. Dazu gehört auch, Bescheidenheit zu üben. Hingabe vor dem, was nicht nur meine eigenen Horizonte übersteigt, sondern auch weit über meine persönliche Selbstbestimmung hinausgeht und seine Grenzen dort findet, wo die Würde auch meiner Nächsten noch unberührt bleibt. Da bricht sich der Mensch keinerlei Zacken aus seiner aufgesetzten Krone des egoistisch anmaßenden Selbstverliebtseins. Solch eine Einstellung ist für meine Verständnisse nur dort denkbar, wo auch Religion kritisch, aber nicht pauschal rückweisend betrachtet wird. Heute bin ich nach meinem Ausflug in den reinen Säkularismus wieder zurückgekehrt: Meinen Glauben hatte ich nie verloren, ich zweifle auch noch heute an Vielem, was das Christentum lehrt und die Kirche vorgibt. Doch ich bin wieder in meiner Heimat, die getragen ist vom notwendigen Fragen und auch Klagen, vom Grundvertrauen an einen Gott, von einem Ja zu Jesus Christus, von dem zwingenden Miteinander aus Staat und Kirche, das so viel Trennung braucht, wie erforderlich, gleichzeitig aber so viel an Zusammenarbeit wie nötig, von einem Humanismus, der die Selbstverantwortlichkeit des Menschen auf unserer Erde herausarbeitet und ihn in den Raum seiner vertretbaren und Gemeinwohl orientierten Möglichkeiten stellt, und von einem Glauben, der letztlich so frei ist, dass er Toleranz erfährt, wenn er auch nicht immer geteilt wird.


Leider hat die Kirche meinen freien Glauben nicht respektieren wollen, stattdessen trage ich damit "Eulen nach Athen" - wie man es formulierte. Und nachdem man sich offenbar auch in protestantischen Kreisen mit diversitätssensibler Sexualität weiterhin schwertut, habe ich mich entschieden, mein Christsein außerhalb der Konfession zu leben... 


Möchten Sie mir von Ihren Glaubenserfahrungen berichten oder mit mir über meine Geschichte ins Gespräch kommen? Dann schreiben Sie mir gern - ich freue mich über Ihre Nachricht an Riehle@Riehle-Dennis.de

 

Dennis Riehle


Mein Nicht-Glaube der Vergangenheit
Die Erfahrungen aus dem evolutionären Atheismus
Atheismus.pdf (252.34KB)
Mein Nicht-Glaube der Vergangenheit
Die Erfahrungen aus dem evolutionären Atheismus
Atheismus.pdf (252.34KB)