Dennis Riehle

  

Glaube 

Austritt ohne Rückfahrkarte: Adieu, Kirche!

Gedanken aus dem Jahr 2020


Ich war ein Schaf. Nein, ich glaube nicht an frühere Leben. Und doch war ich wirklich ein Schaf – damals, im Krippenspiel, am Heiligabend, als kleines Kind. Es war mein erster bewusster Berührungspunkt mit der Kirche. Denn der Kindergottesdienst und die Aufführung zu Weihnachten, sie waren der Höhepunkt für manchen Spross, der sich damals noch nicht wirklich Gedanken darüber machte, weshalb man zum Christfest die Geburt eines Königs feierte, der in Windeln gelegen haben soll – und im Stroh zur Welt kam. Später habe ich mich hochgearbeitet – ich war Hirte, dann sogar einmal Josef. Und inmitten meiner Erziehung, die nun wahrlich keine explizit christliche Ausrichtung genommen hatte, manifestierte sich so langsam ein Interesse an dem, was da sonntags in der Kirche abging. Da spekulierte man, warum die Erwachsenen ihren eigenen Gottesdienst feierten – und wir als Kinder lediglich Lieder singen und Zeichnungen anfertigen durften.


Bis zur Konfirmation zeigte ich aber kein übergeordnetes Ansinnen, mich intensiver mit dem Glauben auseinanderzusetzen. Es machte mir Freude, im Religionsunterricht Bibelverse auswendig zu lernen – und gute Noten für eine ordentliche Heftführung zu bekommen. Doch dann folgte diese erste Prüfung. Sich konfirmieren zu lassen, so wurde uns erklärt, das war die Bestätigung der Taufe, zu der man als kleines Kind nicht „Ja“, nicht „Nein“ sagen durfte. Folglich war für mich klar: Ich musste mich nun mit etwas beschäftigen, was mir als Baby zunächst aufoktroyiert wurde. Mir ging es also nicht um die vielen Geschenke, die man mit der Konfirmation aus der Verwandtschaft zu erwarten hatte. Ich wollte tatsächlich mehr wissen über diesen Jesus, der von den Toten auferstanden sein sollte. Nachdem ich Neugier entwickelt hatte, wurde ich zum Streber unter den Konfirmanden. Und nicht nur das: Ich fand heraus, dass ich all dem, was man uns im Unterricht näherbringen wollte, zustimmen konnte: Ein bewusstes „Ja“ zu Jesu Geburt, Tod und Auferstehung, zur Dreieinigkeit Gottes, zu Altem und Neuem Testament.


Nach der Konfirmandenzeit entschied ich mich gar, selbst in die Jugendarbeit einzutreten. Ich half fortan an mit, junge Menschen von dem Glauben zu überzeugen, für den ich mittlerweile brannte. Denn ich war mir sicher, Gott an meiner Seite zu haben. Die vielen biblischen Zusprüche, der Heilige Geist, der um uns wehen sollte, die Lichtgestalt Jesus, die Wunder vollbracht haben will und für unsere Sünden in den Tod gegangen war. Ich war sprichwörtlich zu einem „Hardliner“ unter den Gläubigen unserer Gemeinde geworden, glänzte mit meiner Unterstützung der Gemeindearbeit, durfte Andachten und Gottesdienste mitgestalten und war stolz darauf, einen Sinn gefunden zu haben, der sogar soweit reichte, letztendlich die Wunschvorstellung zu träumen, später einmal Pfarrer zu werden. Viele trauten mir das zu, ich selbst war bereits so weit gegangen, mich für die Sprachen Latein, Hebräisch und Griechisch zu interessieren, um dann einmal Theologie studieren zu können. Und wäre das nicht schon genug gewesen, hatten sich auch meine Moralvorstellungen verschärft: Konsequente Ablehnung der Abtreibung, ein kraftvolles Voraus für die Familie und Enthaltsamkeit bis zur Ehe.


Aber langsam bröckelte die Fassade: Zwar war ich innerlich weiter davon überzeugt, mit voller Inbrunst dem christlichen Glauben nachzueifern. Aber von außen her kratzten immer mehr Zweifel an dem, was dort auf der Kanzel gepredigt wurde. Spätestens, als ich psychisch krank wurde, fragte ich mich: „Wo ist er nun, der liebe Gott, wenn man ihn denn braucht?“. Auf die Fragen nach der Ungerechtigkeit in der Welt, auf die Theodizée-Frage, hatte ich noch immer eine Antwort gefunden. Doch nun ging es ans Eingemachte: Ich hatte eigene, tiefgreifende Probleme. Und aus meiner Umgebung der Mitchristen erfuhr ich kaum Unterstützung. Hinter vorgehaltener Hand hieß es, ich hätte wahrscheinlich zu wenig gebetet, ansonsten hätte mich solch eine Krankheit nicht heimgesucht. 


Solche Aussagen hatten gesessen. Zunehmend fühlte ich mich unwohl in der eigenen Gemeinde, hatte überdies den Eindruck, als nutze man von Seiten der Kirche mein gut gemeintes Ehrenamt nur aus. Und ob Jesus nun wirklich von den Toten auferstanden war, das interessierte mich zwischenzeitlich kaum noch. „Vielleicht war er gar nicht richtig tot, als man ihn vom Kreuz abnahm“ – so äußerte ich mich unter christlichen Freunden. Und bekam immer häufiger zu hören, dass man auf meine Bekanntschaft verzichten könnte, wenn ich meinen Glauben derart fundamental in Zweifel zöge. „Darf man nicht einmal mehr hinterfragen?“, war meine innerliche Reaktion, die mich hadern ließ. Und spätestens, als in meiner dörflichen Umgebung die Spekulation aufkam, dass ich schwul sein könnte, offenbarte sich die Falschheit einer ganzen Christenheit. Gemeindeglieder wechselten die Straßenseite, als sie mich sahen. Sie tuschelten und prangerten mich an. Von „Krankheit“ war die Rede, von „Irrweg“ und von der Tatsache, dass ich als potenziell Homosexueller kein Platz mehr unter den Schäfchen finden würde.


Ausgrenzung und Anfeindung statt Nächstenliebe und Hingabe. Wie sollte ein Gott das zulassen, dass von ihm erschaffene Kreaturen derart behandelt würden? An das Gebet und daran, dass ich auf meine Bittrufe eine Antwort von unserem Schöpfer erhalten würde, glaubte ich mittlerweile schon lange nicht mehr. Jungfrauengeburt und Himmelfahrt waren ohnehin passé. Und je kränker ich wurde, desto öfter fiel mir der Satz von den Lippen. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“. Doch auch auf diese Anprangerung reagierte er nicht. Und für mich wurde zunehmend klar: In dieser Kirche, in diesem Glauben würde ich nicht mehr glücklich werden. 2012 wagte ich dann den Schritt, den ich monatelang vor mir hergeschoben hatte. Ich ging zum Standesamt und trat aus der evangelischen Kirche aus. Ein Raunen ging durch die Gemeinde: „Der ehemalige Vorzeigechrist verlässt die Kirche!“. Ja, und es war gut so. Denn ich hatte gemerkt, dass ich es nicht mehr vor mir selbst rechtfertigen konnte, ein Glaubensbekenntnis zu sprechen, von dem ich nur noch Bruchteile als mögliche Wahrheit ansah – und eine Bibel zu lesen, die ich zwischenzeitlich eher für ein Märchenbuch hielt, aber nicht mehr für eine „Heilige Schrift“.


Doch was nun? Ich fühlte, dass der Theismus für mich keine Zukunft sein konnte. Also wandte ich mich denen zu, die von Gott überhaupt nichts wissen wollten. Am Bodensee gründete ich eine humanistische Initiative, in der ich anfangs vollkommen aufging. Werte wie Mitmenschlichkeit, Solidarität, Toleranz – das war das, was ich in der Kirche vermisst hatte. Plötzlich fiel es mir auch nicht mehr schwer, auf die Institution einzuprügeln, der ich über zwei Jahrzehnte angehört hatte. Viel mehr warf ich ihr das vor, was auch atheistische, freidenkerischer oder säkulare Organisationen kritisierten: Hierarchie, Scheinheiligkeit, Inhumanität. Aber was sollte die echte Alternative in der Frage des Sinns sein: War der Mensch wirklich der Mittelpunkt allen Seins? War der Glaube an mich selbst nicht eher ein schädlicher Narzissmus? Und wie war das nun mit der Erschaffung von Universum, Erde und Natur? Zwar war ich von der Evolutionstheorie überzeugt, ich merkte aber, dass der letzte Funke nicht vollkommen übersprang. Die Suche nach einem innerlichen Ziel ging weiter.


Als ich immer tiefer in die säkulare Szene Einblick nehmen konnte, erschrak ich zusehends: Ein bloßes Draufhauen auf die Gläubigen, das war nicht mein Ding. Ja, Kirche und Religion anzugreifen, das war in Ordnung. Aber der Glaube war und ist etwas Höchstpersönliches für mich. Und den dahinter stehenden Menschen gilt es zu respektieren, egal, welcher Weltanschauung er auch anhängt. Und dass man mit Witzfiguren wie dem „Fliegenden Spaghetti-Monster“ der Kirche Konkurrenz machen wollte, empfand ich nicht nur als einfallslos, sondern auch als lächerlich. Humanismus ja, Spott des Glaubens nein. So war meine Devise. Und immer öfter regte sich in mir der Wunsch, der Kirche doch noch einmal eine Chance zu geben. Hinzu kamen die teils guten Gespräche mit einer neuen Generation an Geistlichen, die Hoffnung machten: Würde mich Gottes Bodenpersonal wieder zum Glauben zurückführen können? In einer persönlichen Begegnung mit einem protestantischen Pfarrer arbeitete ich die Verwundungen auf, die das frühere Gemeindeleben in mir hinterlassen hatte. Gleichsam wurde ich aber auch nicht müde, meine großen Zweifel an der vollkommenen Bibeltreue zu äußern. 


All das schien aber nicht zu stören. Viel eher hatte ich den Eindruck gewonnen, als sei ich nun wieder willkommen in der Kirche, als hätten wir uns gegenseitig manchen Fehltritt verziehen. Vom Nachhinein aus gesehen hatte ich mich möglicherweise zu sehr unter Druck setzen lassen, war ich doch noch gar nicht bereit, all das wieder anzunehmen, was mir über Jahre hinweg Kopfzerbrechen bereitete. Zwar war Gott für mich wieder präsent, doch keinesfalls als dieses personifizierte Wesen, als das es die Christen sehen. Viel eher war ich einem Pantheismus zugewandt, einer Überzeugung, wonach sich das Göttliche in allem Natürlichen wiederfindet. Die Kirche dagegen, sie schien das nicht zu stören, dass auch ich mir mittlerweile meine eigene Wohlfühlreligion zu stricken versuchte. Sie lud mich viel eher ein, den Bogen zu unterschreiben, mit welchem meine Rückkehr in die Glaubensgemeinschaft besiegelt sein sollte. Und zweifelsohne: Der Wiedereintritt in die Kirche fiel zunächst vielversprechend aus. Ich wurde herzlich begrüßt, fand nichts mehr von der Distanz wieder, die noch fünf Jahre zuvor an der Tagesordnung war. Letztlich, so kann ich heute nur attestieren, kämpft die Kirche um jedes einzelne Mitglied – und nimmt es dabei offenbar auch nicht so genau mit der Frage, inwieweit sich ihre Anhänger tatsächlich noch mit dem Glauben identifizieren, der vielerorts zur reinen Makulatur verkommen ist.


Heute ärgere ich mich über mich selbst, denn ich habe mich eher überredet, nicht wirklich überzeugt gefühlt, was die Umkehr zurück in die Kirche anging. Vielleicht war es auch die Angst, als Konfessionsfreier in der Luft zu hängen, keinen Anschluss zu finden und allein auf das Menschgemachte vertrauen zu müssen – ohne Verheißung, ohne Vertröstung, ohne Perspektive auf das Ewige. Konnte Religion wirklich süchtig machen, war sie tatsächlich das Opium für das Volk, von dem man sich nur schwerlich zu befreien vermochte? In meinem Falle schien das zunächst wirklich der Fall zu sein, denn relativ naiv begab ich mich zurück in den Schoß der Mutter Kirche, hatte die Hoffnung gehabt, dass mit eigenem Zureden der Glaube schon wiederkehren möge. Doch das Liebenswürdige, das Empathische, das Vertraute, es kam nicht zurück. Im Gegenteil: Ich tat mir schwer mit meiner eigenen Heimatgemeinde, die sich zusehends gewandelt hatte. Ausgegrenzt fühlte ich mich weiterhin. Und die Sache mit dem lieben Gott, sie war keinesfalls geklärt: Heute bin ich mir sicherer denn je, dass wir für die Erklärung der Welt weder einen schöpferischen, noch einen eingreifenden Gott brauchen. Die Entwicklung der Menschheit, sie ist ähnlich faszinierend wie die Entstehung des Weltraums. Doch sie lässt sich durch die Erkenntnisse der Wissenschaft weitaus plausibler nachzeichnen als durch einen biblischen Schöpfungsbericht, der auf seine Art eine Gedankenstütze sein mag – für den fragenden Bürger aber mehr Unklarheiten als Antworten hinterlasse dürfte.


Mittlerweile habe ich für mich einen Schlussstrich unter das Kapitel „Kirche“ gezogen. Ich bin jetzt endgültig ausgetreten – dieses Mal jedoch ohne Rückfahrschein. Denn heute kann ich dem Atheismus viel Positives abgewinnen, in seiner bejahenden Variante des Humanismus reicht er völlig aus, um glücklich zu sein. Dass man im Umgang mit Glaube und Gott etwas gelassener sein darf, das habe ich verstanden. Und so empfinde auch ich die vielfältige Auseinandersetzung der säkularen Szene mit Kirche und Religion heute nicht mehr als übergriffig, sondern viel eher als künstlerisch gelungen, im besten freidenkerischen Sinne legitim und unter dem Aspekt der universellen Menschenrechte als notwendig, um die Vermächtnisse der Aufklärung fortzuentwickeln. Es gehört zu den höchsten Gütern unseres Verfassungsstaates, ganz bewusst „Nein“ zum Glauben sagen zu dürfen. Die Freiheit von religiöser Theorie und Praxis, sie stellt einen wesentlichen Prüfstein für unsere Demokratie dar. Und gerade die sich oftmals in ihrem Selbstbewusstsein eigens überhöhende Institution der Kirche muss sich daran messen lassen, wie viel Kritik sie erträgt. Gerade in Zeiten, in denen sich der Klerus immer neuen Vorwürfen ausgesetzt sieht, müssen die Botschaften der Außenstehenden eindeutig sein. 


Allerdings nicht nur das: Es geht nicht allein um die Schadenfreude gegenüber den Religionsgemeinschaften. Viel eher muss sich der Gottesglaube an sich zahlreiche Fragen stellen lassen. Die für mich entscheidende bleibt die des Leidens. Je größer meine gesundheitlichen Einschränkungen dieser Tage werden, desto vehementer muss ich die Überzeugung an eine himmlische Kraft über Bord werfen. Denn nicht nur die Erschaffung von Raum und Zeit lässt sich durch die Naturgesetze viel besser erklären als durch einen deistischen Schöpfergeist; auch der Umstand, dass Krankheit zum evolutionär bedingten Leben dazugehört, ist für mich weitaus leichter zu ertragen als das gedankliche Konstrukt des theistischen Gottes, der den Menschen in Freiheitsliebe immer wieder fallen und aufstehen lässt – nur, um damit seine Allmacht unter Beweis stellen zu können. Wenn wir genügend Vertrauen in uns selbst legen, dann ist es einfacher, natürliches und menschgemachtes Leid zumindest annehmen zu können, gleichsam aber nicht akzeptieren zu müssen. Als Humanisten unterliegen wir nicht dem Zwang, Tiefschläge mit einem dahintersteckenden Sinn zu verstehen. Aber wir können mit unseren sensiblen Fertigkeiten, Trost, Ermutigung und Zuversicht zu spenden, daran arbeiten, die Schäden aus Katastrophen und selbst produziertem Unheil so gering wie möglich zu halten. Mit der Hoffnung auf transhumanistische Fähigkeiten wird zudem die Perspektive gesät, eines Tages Schmerz und Pein überwinden zu können – ohne sich dabei ständig die Frage des „Warums“ stellen zu müssen. 


Die Sache mit dem Glauben, sie lässt uns wie kaum eine andere Frage hadern und zetern. Das wundert niemanden – denn geht es in Wahrheit doch um das Existenzielle, um die Suche danach, woher wir kommen und wohin wir gehen. Ohne einen Gott sind wir als Menschen sehr viel stärker gefordert, Antworten selbst erarbeiten zu müssen. Der Humanismus krönt uns mit der Fähigkeit, die Welt auch ohne religiöse Überzeugung durchdenken zu können. Moralisch gesehen müssen wir uns von keiner Instanz Vorgaben setzen lassen, sondern sind allein der Ethik der Mitmenschlichkeit verpflichtet. Wer den evolutionären Humanismus als Option verstanden hat, Religion als abhängig machende Fixierung im Gerüst göttlicher Bevormundung gegen die Freiheit des Selbstdenkens einzutauschen, der hat einen Prozess um die Vorherrschaft der Ideologien gewonnen, welcher nicht nur zermürbend, sondern für viele Menschen auch sozial existenziell bedrohlich sein kann. 


Ich selbst kann nur hoffen, dass mir die unabhängigen und organisatorisch gebundenen Humanisten dieses Landes die erneute Chance geben, mich in ihren Reihen zu engagieren. Denn das Wissen, sich im Miteinander der realen Vernunft für die Gesellschaft einbringen zu können, sie lässt mich ebenso frohlocken wie die Aussicht darauf, mit gläubigen Menschen fortan in einen harten, aber fairen Diskurs über ihre Religion einzutreten. Aus einer atheistischen Weltsicht erwächst gleichsam die Chance, Lebenssinn alternativ zu gestalten – die ständige Anbetung eines möglicherweise vom Menschen selbst erfundenen Gottes, sie raubt dagegen Kraft und Freude, die wir viel besser dafür einsetzen können, das Hier und Jetzt zu genießen. Mir wird es deshalb künftig eine ganz besondere Aufgabe sein, mich für eine fröhlich werbende Verbreitung humanistischen Denkens einzusetzen, die dabei auch auf Grenzwertiges im Geschmack der Religiösen setzen wird. Daneben bin ich fest gewillt, auch mein politisches Handeln in Zukunft an den Maßstäben humanistischen Daseins zu orientieren.


Wenngleich es lange Zeit dauerte, bis ich mich am richtigen Platz sah, so war die mehrfache Reflexion meines Glaubens ein notwendiger und wichtiger Schritt, den Humanismus nicht aus einer Momentaufnahme heraus als Weltanschauung zu übernehmen. Viel eher sollte auch er sich ständig neu kritisch überprüfen lassen – diese Mindestanforderung gilt für die religiöse Weltanschauung ebenso wie für das säkulare Gedankengut. Wie viele Menschen verharren aus banalen Beweggründen bis heute in den Kirchen, ohne sich ernstlich darüber im Klaren zu werden, ob sie Leitbild und Vereinssatzung noch mittragen. Ehrlichkeit mit sich selbst, das scheint gerade im Glauben nötiger denn je. Entsprechend ermutige ich jeden, allfälligen Zweifeln an der eigenen Religion mit Behutsamkeit und Nachsicht zu begegnen. Verbände und Organisationen der säkularen Szene stehen bereit, auch – und gerade – denjenigen aufzufangen, der nach dem Kirchenaustritt in ein emotionales Loch des Alleinseins abzurutschen droht. Die Entscheidung, sich von Kirche, Glaube und Religion abzuwenden, sie muss reifen. Dafür ist der Schritt zu groß, um ihn im Zweifel zwischen Tür und Angel zu erledigen. Und nicht zuletzt sei versichert: Atheisten befinden sich schon heute in guter Gesellschaft – kein Grund also, aus Angst vor dem sozialen Abstieg die Freiheit zu verschmähen…   

 

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Dennis Riehle



Säkularismus


Einmal säkulare Szene – und zurück, bitte!

Gedanken aus dem Jahr 2016


Wie soll ich mir die Auferstehung Jesu tatsächlich vorstellen? Warum soll gerade er denn nun dieser Sohn Gottes sein? Und wie ist er in den Himmel aufgefahren? Lange Zeit sprach ich das Glaubensbekenntnis mit, ohne mir wirkliche Gedanken darüber zu machen, was ich dort eigentlich wiedergebe. Und überhaupt: Warum greift Gott nicht in das Geschehen der Welt ein, wenn man ihn am meisten brauchen würde? Die klassische Theodizée-Frage erreichte mich nicht umsonst, als ich selbst merkte, dass die Kirche keinesfalls der Ort von Heiligkeit ist, für den ich ihn lange gehalten hatte. Ausgrenzung aufgrund sexueller Orientierung, wegen seelischer Probleme, ein wahrlicher Spießrutenlauf durch die zahlreichen Anfeindungen von Geistlichen und auch Laien waren irgendwann zur Tagesordnung geworden. Und ich zweifelte tatsächlich: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“. Gesundheitliche Leiden plagten mich, der soziale Halt, den die Gemeinde geboten hatte, war verschwunden – und ich spürte, dass auf keines meiner Gebete noch eine Antwort kam.


Dabei hatte ich über viele Jahre eine Menge guter Erfahrungen gesammelt. Mit großer Freude die Ausbildung zum Prädikanten und in der Seelsorge absolviert, in der Gemeinde viel Sinnstiftendes erlebt, Gottesdienste gestaltet, Konfirmanden unterrichtet, Andachten gehalten. Doch plötzlich war ich für die Jugendarbeit nicht mehr der Richtige, war die Citypastoral kritisch geworden, weil ich die katholischen Vorgaben nicht hinnehmen wollte – und diejenigen Mitchristen, denen ich noch vor ein paar Wochen freundschaftlich begegnet bin, wechselten unverhohlen die Straßenseite, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Wie sollte also ein theistischer Gott aussehen, der hierbei tatenlos bleibt, zusieht, ohne ein Zeichen zu senden? Jahre ließ ich vergehen, die Skepsis wurde immer größer. Schlussendlich die Frage: Kann ich weiterhin einem „Verein“ angehören, der mich offenbar nicht will und dessen Grundlagen ich mittlerweile kaum noch überzeugt mitgetragen habe, lediglich aus dem Umstand, weil „man“ es eben so macht? Die Antwort kam eines Nachts: Am nächsten Morgen unterschrieb ich meine Austrittserklärung aus der Kirche – und erlebte einen befreienden Moment.


Recht engagiert orientierte ich mich neu: Humanismus sollte es sein. Über ihn hatte ich mich bereits im Vorfeld informiert und war begeistert von den Überlegungen, die er teilte. Der Einstieg in die säkulare Szene fiel somit leicht, öffnete ich mich doch den Weltanschauungen zwischen Atheismus und Freidenkertum, um zu erfahren, wo künftig meine eigene Heimat sein sollte. Zweifelsohne ist es in einer sich anscheinend kirchenferner entwickelnden Gesellschaft aber dennoch schwierig, mit anderen Gleichgesinnten in Kontakt zu kommen. Nach Gründung der „Humanistischen Alternative Bodensee“ mit einigen Mitstreitern wurde deutlich, dass sich all diejenigen, die keiner Kirche angehörten, nicht zwingend daran interessiert sind, sich für eine humanistische Orientierung auch wirklich einzusetzen. Die Erfahrungen aus der „Institution Kirche“ schreckten viele ab, sich neuerlich an eine Organisation zu binden – egal, wie offen man sie auch gestaltet. Und nicht wenige Menschen sind zwar konfessionsfrei, aber nicht gleichsam ungläubig, sondern viel eher agnostisch denkend.


Doch das waren nicht die einzigen Probleme: Der „Evolutionäre Humanismus“ gibt sich nicht nur kirchenkritisch, er zeigt sich in Teilen sogar extrem. Mit einer rigorosen Ablehnung von Religion wird der Andersdenkende nicht selten diffamiert. Jene, die – wie ich – den Respekt vor jeder Form des Glaubens als notwendig ansehen, werden nicht selten als Unterstützer der Kirchen beschimpft, als immer noch nicht vom Christentum Losgelöste. Ein Schwarz-Weiß der besonders deutlichen Linie, das in Teilen weit über die Attacken hinausgeht, die mir aus kirchlichen Reihen geläufig waren. Der Humanismus wurde bis auf die Spitzen des Denkbaren getrieben – die Selbstverherrlichung des Menschen findet nicht nur in den Aussagen zur Existenz eines Gottes ihren Ausdruck, nach denen sich der Einzelne selbst zum Mittelpunkt des Universums zu erklären vermag. Darüber hinaus spricht er sich durch das Gedankenexperiment eines grenzenlosen Transhumanismus die eigene Fähigkeit zur Reflektion und des Schutzes vor seinen persönlichen Allmachtsphantasien ab. Nicht zuletzt überhöht er sich einer Ethik, die das Angewiesensein auf eine Solidarität untereinander formuliert, indem er den Individualismus einem Anspruch auf Leben aller Menschen vorzuziehen scheint. 


Schließlich fiel auch auf, dass die Antworten von atheistischer Seite auf wesentliche kritische Betrachtungen einer Ideologie der Gottlosigkeit spärlich waren. Oftmals wird auf die Evolution verwiesen, die zum Zustand der heutigen Galaxien geführt haben soll. Der Urknall als deren Anfang bleibt in seiner Entstehung trotz zahlreicher Erklärungsversuche aber bislang noch immer nebulös. Der Wahrheitsanspruch des Atheisten dagegen wächst weiter – und das oftmals ohne nachhaltige Belege, die wiederum von den Religionen eingefordert werden, dort aber gleichsam obsolet sind, liegt zwischen Glaube und wissenschaftlichem Anspruch auf Realität doch bekanntlich der Gedankenfehler, Äpfel mit Birnen vergleichen zu wollen. Und ebenso die „Natur“. Sie soll den Zusammenhalt der Welt begründen. Doch niemand aus dem säkularen Kreise fragt ernsthaft nach deren Ursprung. Die verherrlichten „Natur-Gesetze“, sie lassen uns zwar nachvollziehen, aber nicht verstehen, wo die Basis all des Wundersamen liegt, das mancher Atheist so krampfhaft als Träumerei und „Heiligen Geist“ zwischen unserem Himmel und der Erde verspotten will.


Substantielle Antworten waren begrenzt, wenn ich auf die Zeit von insgesamt vier Jahren blicke, in denen ich bisher die säkulare Bewegung beobachtet habe. Da machen sich „Spaghettimonster“ viel eher lustig darüber, dass Kirchen an ihren Traditionen festhalten, während sie selbst mit Nudelsieben auf dem Kopf den Anspruch auf gesellschaftliche Anerkennung erhoffen. Ja, Religionsfreiheit muss auch das aushalten. Doch gleichsam ist der Rundumschlag gegen alles, was mit Religion zu tun hat, ebenso ein erfolgloser Versuch, der Menschheit ihren Glauben austreiben zu wollen. Da tummeln sich im Spektrum des Säkularen nicht wenige Linksradikale, die ihr Freidenkersein mit der politischen Ambition einer unkritischen Russlandfreundlichkeit und sozialistisch bis kommunistisch angehauchten Systemkritik verbinden, ebenso wie rechtslastig anmutende Islamfeinde, die ihren Atheismus als Beweggrund für alles Religiöse auch dafür hernehmen, rassistisch orientierte Hetze gegen Muslime zu begründen. Nicht, dass es solche Phänomene nicht auch unter gläubigen Menschen gäbe. Doch keinesfalls ist der humanistische Atheismus so friedlich, wie er es oft vermitteln möchte. Die fehlende Wertschätzung des Glaubens im Allgemeinen macht den Säkularismus nicht selten zu einer emotionslosen Philosophie, die man als Distanzierter durchaus auch als Kälte deuten könnte.


Daneben sind auch die notwendigen Positivaussagen des Humanismus wenig stichhaltig geblieben. Eine Überzeugung von der eigenen Persönlichkeit, ein Glaube an die Vernunft und an den Realismus aller Dinge – das sind keine wirklichen Antworten auf die Sinnfragen, die die Menschen umtreiben. Die säkulare Bewegung hat es verpasst, ein Konzept zu entwickeln, mit dem sie auch die Gefühle anspricht, die nicht nur nach Karl Marx nötig sind, wenn er die Religion nicht vollkommen zu Unrecht als Opium ansieht, das uns geistigen und gleichermaßen eben auch geistlichen Halt gibt in einem Hiersein, zudem nicht nur die Höhen, sondern eben gleichermaßen die Tiefen gehören, in denen es Hoffnung braucht. Da hilft uns nicht das Erklärbare, sondern die stützende Kraft des Visionären, egal, wie stark mein Glaube an einen Gott ist. Der alleinige Blick auf das zu Greifende ist dann nicht ausreichend, wenn „soft skills“ gefragt sind. Nutzt es einem Jeden von uns wirklich, mit stoischer Klarheit auf das rein Materielle durch die Welt gekommen zu sein, wenn wir aus purem Idealismus letztlich doch seelisch verhungern? Da geht es um mehr als Mitmenschlichkeit, da geht es vor allem auch um persönliche Weitsicht mit dem eigenen Ich und in der nachhaltigen Gestaltung des Zusammenlebens unter dem Eindruck einer Demut, die dem Umstand unserer Rolle in dieser Schöpfung vollkommen gerechtfertigt ist.


Nein, einen humanistischen und säkularen Blick auf die Gesellschaft, auf mein Leben und auf die Zusammenhänge des Universums habe ich nicht verloren. Doch er kann nur Teil einer religiösen Überzeugung sein, die einerseits auf einer Basis gemeinsamer Wertvorstellungen, Vorbilder, Werte,  Bräuche, Ideale und andererseits eines Glaubens zu fußen versucht, der sich nicht mit Belegen einer augenscheinlichen Wirklichkeit zufriedengibt, sondern zu Ehrfurcht vor etwas deutlich Größerem und potenziell kausal Begründbarem bereit wäre. Dazu gehört auch, Bescheidenheit zu üben. Hingabe vor dem, was nicht nur meine eigenen Horizonte übersteigt, sondern auch weit über meine persönliche Selbstbestimmung hinausgeht und seine Grenzen dort findet, wo die Würde auch meiner Nächsten noch unberührt bleibt. Da bricht sich der Mensch keinerlei Zacken aus seiner aufgesetzten Krone des egoistisch anmaßenden Selbstverliebtseins. Solch eine Einstellung ist für meine Verständnisse nur dort denkbar, wo auch Religion kritisch, aber nicht pauschal rückweisend betrachtet wird. Heute bin ich nach meinem Ausflug in den reinen Säkularismus wieder zurückgekehrt: Meinen Glauben hatte ich nie verloren, ich zweifle auch noch heute an Vielem, was das Christentum lehrt und die Kirche vorgibt. Doch ich bin wieder in meiner Heimat, die getragen ist vom notwendigen Fragen und auch Klagen, vom Grundvertrauen an einen Gott, von einem Ja zu Jesus Christus, von dem zwingenden Miteinander aus Staat und Kirche, das so viel Trennung braucht, wie erforderlich, gleichzeitig aber so viel an Zusammenarbeit wie nötig, von einem Humanismus, der die Selbstverantwortlichkeit des Menschen auf unserer Erde herausarbeitet und ihn in den Raum seiner vertretbaren und Gemeinwohl orientierten Möglichkeiten stellt, und von einem Glauben, der letztlich so frei ist, dass er Toleranz erfährt, wenn er auch nicht immer geteilt wird.  


Dennis Riehle