25.03.2022

Franziskus zwischen den Stühlen…

Leserbrief
zu: „Marienweihe für den Frieden“, „Die Tagespost“ vom 24.03.2022

Die Zeichen aus dem Vatikan angesichts des Krieges sind ambivalent. Während ich die deutliche Kritik von Papst Franziskus an der Ankündigung zahlreicher Staaten, ihre Verteidigungsausgaben erhöhen zu wollen, uneingeschränkt unterstütze, irritiert das von ihm angestrebte Gebet zur Weihung der Ukraine und Russlands mit dem „Unbefleckten Herzen Mariens“ doch sehr. Immerhin lässt diese Geste den Eindruck einer Gleichsetzung der beiden Konfliktparteien durch den Pontifex entstehen, welche die Täter-Opfer-Rollen negiert. Unbestritten ist: Wir müssen für den Frieden einstehen. 

Gleichermaßen wäre eine Differenzierung des katholischen Kirchenoberhaupts nötig gewesen: Es geht um die Bitten für die Aussöhnung der Völker und eine Einsicht der politischen Machthaber. Die Aussendung aus Rom kann allerdings auch missdeutet werden: Nein, ich will nicht Präsident Putin den Fürsprechern im Himmel anheimstellen. Denn ich bin mir sicher, dass Gott nicht wirklich zur Einsichtsfähigkeit des russischen Despoten sorgen kann. Stattdessen bete ich für die Menschen in der Ukraine, die Leid und Schmerz ausgesetzt sind. Für die Vertriebenen, Verletzten und Hinterbliebenen. Natürlich für jene Bürger in Russland, die offenen Herzens sind, den Kurs ihrer Führung zu verurteilen und sich gegen jegliche Gewalt aussprechen. Für die Armen, die die Sanktionen des Westens hart treffen. Und für alle Politiker guten Willens, die sich für Diplomatie und Waffenruhe einsetzen. 

Derartige Fürbitten kann ich gutheißen, nicht aber eine pauschale Vorbringung der Kriegstreiber vor den Herrn. Es war ein eklatanter Fehler in der Kommunikation des Heiligen Stuhls, die Franziskus in ein unglückliches Licht rückt: Auch wenn ich mir sicher bin, dass sein eigentliches Anliegen von den allermeisten Gläubigen verstanden wird, wäre eine Richtigstellung seiner Beweggründe hilfreich gewesen. Und natürlich weiß auch ich um das Ideal von Pazifismus und Verständigung. Und es ist moralisch und sittlich höchst verwerflich, dass auch Deutschland 100 Milliarden für die Armee investieren will. Doch Politik kann nicht alleine durch die Brille der Ethik blicken. Der Geist von Militarismus und Größenwahnsinn ist aus der Flasche, er lässt sich pragmatisch gesehen auf absehbare Zeit nicht mehr einfangen. 

Deshalb ist natürlich jegliche Anstrengung für Befriedigung und Heilung richtig und nötig  – und als Mann der Kirche kann und muss Franziskus solch eine Utopie weiterhin mit Nachdruck verfolgen. Dies kann durch Gebet zweifelsfrei gelingen. Allerdings muss er als Staatsoberhaupt und politisch Handelnder gleichsam verstehen, dass ein Bundeskanzler auf die völlig entfesselte Invasion Moskaus reagieren und Vorkehrungen treffen muss, um das eigene Land zu schützen. Nein, niemand will Aufrüstung. Sie ist falsch und der Ausdruck einer von vielen Konsequenzen menschlicher Perversion. Aber angesichts von Diktatoren bleiben praktisch gesehen wenige Alternativen, leider.

Dennis Riehle - 09:11:50 @ Glaube