26.01.2022

Das gespielte Entsetzen…

Leserbrief
zu: „Max Otte nimmt AfD-Nominierung an“, „WELT“ vom 26.01.2022

Wer nach dem Fall Maaßen noch immer nicht daran glauben wollte, dass die CDU auch einen Parteiflügel besitzt, in dem rechtslastige Ansichten geteilt werden, war schlichtweg naiv und wird durch die Offenbarung von Ottes Nominierung eines Besseren belehrt. 

Es war nicht zuletzt Friedrich Merz, der durch seine teils weit über das Konservative hinausgehenden Positionen in Richtung des Rechtsaußen in den eigenen Reihen deutlich gemacht hat, dass die Christdemokratie nicht nur über einen stringenten neoliberalen und bürgerlichen Anteil, sondern vor allem auch über einen nationalistischen und „bewahrenden“ Aspekt verfügt. 

Mit der Nominierung des Chefs der Werteunion wurde die CDU nun demaskiert. Die reflexhafte Empörung und der umgehend erfolgte Parteiausschluss Ottes auf Raten sind gespielt, die Krokodilstränen aus dem Adenauer-Haus kann man in dieser Hinsicht nicht ernst nehmen. 

In 16 Jahren Kanzlerschaft Merkel konnte durch den Mitte-Links-Kurs der Partei ein rechtspopulistisches Gebaren erstarken, für das unterschiedliche Verantwortungsträger Rechnung tragen. Die Geister, die man rief, scheinen die Christdemokraten jetzt nicht mehr loszuwerden. 

Der krampfhafte Versuch, sich zu distanzieren, gelingt dem Bundesvorstand kaum. Immerhin konnte man abseits des Parteitagsbeschluss zur Ablehnung jeglicher Zusammenarbeit mit der AfD aus 2018 keine substanziellen Unternehmungen nachweisen und sich rechtfertigen, auch inhaltlich klare Kante zu zeigen. 

Da sind beispielsweise die Einlassungen des CDU-Ministerpräsidenten Kretschmer über Flüchtlinge, die sehr an den Sprech der Alternative für Deutschland – oder auch die aktuellen Aussagen der sachsen-anhaltinischen Christdemokraten, die die Axt an das öffentlich-rechtliche Fernsehen anlegen und sich damit vollends auf Kurs von Querdenkern und Verschwörungstheoretikern begeben haben. 

Das Attest ist nicht neu: Die Union hat ein Problem mit Parteikreisen, die sich zumindest in der Grauzone zum demokratisch Hinnehmbaren aufhalten. Ottes Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten ist dabei nur die Spitze des Eisbergs, Merz’sche und Czajas Bewährungsprobe.

Dennis Riehle - 04:58:40 @ Politik