16.12.2021

Wir müssen nicht alles wissen, um gut zu leben…

Hörergedanken
zu: „Neue Erkenntnisse aus der Hirnforschung: Sitzt Gott im Gehirn?“, „Deutschlandfunk Kultur“ vom 24.10.2021

Schon allein die Begrifflichkeit stellt einen Widerspruch in sich dar: Wenn Forscher auf die Suche nach dem „Gottesbeweis“ gehen, muss ihre Mission unzweifelhaft scheitern. Denn bereits die Definition des Gottes lässt es nicht zu, ihn nachzuweisen. Zwar schaffen wir es heute, manch ein Naturgesetz zu beschreiben. Woher es kommt, wie es entstanden ist und wie es funktioniert – all das stellt uns aber vor große Rätsel. Die Faszination über die Entstehung des Universums lässt uns nicht los, weil wir als Menschen mit unserer Unvollkommenheit nicht umgehen können. Es ist uns nicht begreiflich zu machen, dass es etwas gibt, was wir mit unserem begrenzten Verstand nicht verstehen können. Ungewissheit bedeutet auch Unsicherheit.

Das Geheimnis eines Gottes ist es, dieses Defizit durch den Glauben des Menschen auszugleichen. Wir werden mit größtmöglicher Wahrscheinlich nie zu dem Punkt gelangen, an dem unsere Überzeugungen in Wissen übergehen. Immerhin scheint die Transzendenz nicht messbar zu sein. Alle Parameter, die wir kennen, haben bislang nicht ausgereicht, einen abschließenden Befund über die Existenz eines Gottes erheben zu können. Und das ist auch richtig so! Denn er würde jegliches Geheimnis, jegliche Größe und jegliche Autorität verlieren, würde er sich durch ein Gen, ein Molekül oder ein sonstiges Teilchen belegen lassen.

Viele Religionen gehen davon aus, dass Gott nicht nur außerhalb unseres Bewusstseins existiert, sondern auch erlebbar und spürbar, vielleicht sogar fassbar ist. Denn nicht nur die fernöstlichen Religionen sehen ihre Götter in Form von Tieren, Naturereignissen und Ritualen als innerhalb ihrer Erfahrung wahrnehmbar an. Und auch das Christentum begnügt sich nicht mit einem transzendenten Gott: Die Lehre der Trinität zeigt auf, dass es in ihrer Glaubenslehre nicht nur den schöpferischen Gottvater gibt, von dem wir uns kein Bild machen sollen – und der damit unerreichbar ist. Viel eher wird Gott sowohl im Heiligen Geist, vor allem aber in seinem „eingeborenen Sohn“ Jesus immanent. Durch ihn wird der mythische Herrscher schlussendlich personifiziert und damit den Menschen auf der Welt nahbar gemacht. Doch können wir daraus ableiten, dass Christus = Gott ist? Sind Donner und Blitz ein göttliches Zeichen oder gar Gott selbst? Oder finden wir ihn beispielsweise im Bild der Schlange, des Affen oder der Ziege wieder? Bedeutet Immanenz eine Gleichsetzung, eine Deckungsgleichheit?

Gerade der Pantheismus meint beispielsweise, dass Gott in allem steckt. Ob in einem Stein, in einem Auto oder in einem Menschen. Besonders strikte Auslegungen dieser religionsphilosophischen Lehre gehen davon aus, wonach Natur, Umwelt und Universum mit Gott identisch seien. Damit wäre es nicht schwierig, ihn zu erfahren. Wir müssten wohl nur einen Baum umarmen – und hätten dadurch unmittelbaren Kontakt zu Gott persönlich. Schlussendlich argumentieren Pantheisten damit, dass die gesamte Schöpfung dem Ursprung eines undefinierten Gottes entstammt ist – und er bis heute in Sämtlichem und Jedem zu finden ist. Sicherlich mag diese Überzeugung gerade unter der Fragestellung, woher wir kommen, wer uns gemacht hat, was uns am Leben erhält und welcher materiellen und immateriellen Herkunft wird sind, Vieles beantworten. Wenn man Gott aber mit dem Weltall gleichsetzt, macht man es sich weltanschaulich recht einfach. Denn tatsächlich könnte man dann von einem Beweis sprechen, immerhin ist in diesem Fall der Glaube doch selbsterklärend: Alles, was ist, ist Gott.

Vielleicht bin ich für diese Annahme doch zu sehr naturwissenschaftlich geprägt, als dass ich mir die Antwort auf die Gottesfrage derart leicht machen würde. Ich bin der festen Überzeugung: Alles Existierende ist von Gott beseelt, weil ich davon ausgehe, dass er es erschaffen hat. Dennoch ist Gott für mich von der Welt verschieden. Er offenbart seine geistige Anwesenheit symbolhaft in seinen Geschöpfen, ist letztlich aber „nur“ Konstrukteur des Seins. Insofern ist er der Erbauer des Hauses, aber nicht das Holz, aus dem es errichtet wurde. Er besitzt ein Copyright für sein Werk, muss dafür aber nicht ständig selbst präsent sein, um den Menschen daran zu erinnern. Würde Gott sich mit der Gesamtheit der Dinge identifizieren, würde ihm viel von seiner Wundersamkeit verlorengehen. Und auch die Dreieinigkeitslehre springt bei mir nicht an. Für mich gibt es keinen Gottessohn. Jesus ist eine herausragende Persönlichkeit von vielen, der man aufgrund ihres größtenteils vorbildhaften Verhaltens nachfolgen und das Leben nach ihr ausrichten kann. Sieht man mehr in ihm, steigt die Gefahr der menschlichen Überhöhung.

Die Heraushebung und Glorifizierung eines einzelnen Menschen, der Gott auf die Erde bringen soll, damit wir das Handeln und Denken seines Vaters besser nachvollziehbar können, ist mir fremd. Denn ich halte mich an die Aussage des Römerbriefs: „Gottes Wege sind unergründlich!“ – und damit gilt auch: Gott möchte nicht verstehbar sein, er will eben gerade nicht als Mensch verstanden werden. Immerhin ist er gemäß Philipper „höher als all unsere Vernunft“. Er zeigt sich nach meiner festen Annahme allegorisch und demonstriert sich immateriell. Schlussendlich findet er sich stellvertretend als Ausdruck vor allem in der Zwischenmenschlichkeit wieder. Dafür spricht auch eine eindeutige Aussage der Heiligen Schrift, die nicht nur von Theologen als universell gesehen wird – und damit über allen anderen Darlegungen der Bibel steht. Im 1. Johannesbrief wird beschrieben, was wir unter ihm verstehen sollen: „Gott ist die Liebe“. Doch auch damit können wir ihn nicht dokumentieren. Er bleibt mit seiner Agape eine Metapher und entfaltet sich, ohne sich zu vergegenständlichen. Ich bin froh darüber, dass wir ihn nicht greifen können. Denn es tut uns gut, wenn wenigstens ein metaphysisches und übersinnliches Phänomen unentschlüsselt bleibt. Das bewahrt uns vor transhumanistischer Hybris…

Dennis Riehle - 09:07:51 @ Glaube