Dennis Riehle

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an dieser Stelle haben Sie die Möglichkeit, in meinem Blog von mir verfasste Texte zu lesen. Darunter finden sich Pressemitteilungen, Leserbriefe und Standpunkte zu Themen der Zeit, kritische Stellungnahmen zu gesellschaftlichen Entwicklungen sowie soziale und politische Meinungsbeiträge, die nicht den Anspruch erheben, in jedem Fall dem "Mainstream" zu entsprechen. Deshalb ist es nicht ausgeschlossen, dass Sie manche Beiträge nachdenklich machen oder gar Ihre eigene Gegendarstellung provozieren. Gerne können Sie mir deshalb auch Ihr Feedback unter Mail: Riehle@Riehle-Dennis.de zukommen lassen. Ich freue mich auf den Austausch mit Ihnen!


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15.11.2021

Therapieplätze, Beratungsangebote, sektorenübergreifende Maßnahmen

Leserbrief
zu: „Die Pandemie, über die man lieber schweigt“, „derFreitag“ 41/2021

Als Leiter einer Selbsthilfegruppe für psychische Erkrankungen nehme ich seit etwa einem Jahr eine massive Zunahme von Anfragen wahr, die im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungsbildern als Folge der Corona-Schutzbeschränkungen angesehen werden können. 

Isolation, sozialer Rückzug und Arbeiten von zu Hause aus: All das setzt vor allem den jüngeren Menschen sehr zu, für die die gesellschaftliche Teilhabe noch ein wesentlicher Aspekt der gedeihlichen Entwicklung darstellt. Wer sie für längere Zeit aus den gewohnten Strukturen herausnimmt und sie von der Außenwelt abkapseln muss, wird rasch bemerken, wie sich Kinder und Jugendlich in ihrer Persönlichkeit und Psyche rasch verändern. 

Bei aller Notwendigkeit der pandemischen Maßnahmen wird in unseren Medien viel zu wenig über die massive Welle an seelischen Beeinträchtigungen gesprochen, die immer stärker über uns hereinbricht. Die ohnehin angespannte Lage bei der Vergabe von Psychotherapie-Plätzen hat sich weiter dramatisiert. 

Die Versorgungsstrukturen sind kurz vor dem Zusammenbruch. Betroffene warten monatelang auf Termine beim niedergelassenen Facharzt und Therapeuten, müssen oftmals stationär behandelt werden, nachdem sie ambulant nicht mehr betreut werden können. 

Immer öfter wenden sich die Hilfesuchenden dann auch an niederschwellige Beratungsangebote – wie an unsere Selbsthilfegruppe. Wir versuchen, zumindest einige Zeit mit Information, Aufklärung, Seelsorge, Zuhören und Tipps zu überbrücken, doch die Wahrheit ist, dass das psychotherapeutische Versorgungswesen unter einer ähnlichen Belastung keucht wie die Intensivmedizin. 

Deshalb braucht es dringend eines Einschreitens in verschiedener Hinsicht: Kurzzeitig müssen approbierte Psychotherapeuten, die nicht kassenzugelassen sind, in die Regelversorgung einbezogen werden. Auch muss die Bedarfsplanung für Psychotherapie-Plätze endlich weitgehend reformiert und neue Parameter eingeführt werden, damit in Stadt und Land eine verhältnismäßig ausgeglichene Zahl an Sitzen zugelassen werden kann. 

Berücksichtigung müssen auch regionale, demografische, wirtschaftliche und gesundheitlich-soziale Kennziffern finden, damit eine wirklichkeitsnahe Abbildung des Bedürfnisses an psychiatrisch-psychotherapeutischer Versorgung erfolgen kann. Auch die sektorenübergreifenden Konzepte müssen ausgeweitet werden, gleichsam müssen die tatsächlichen Stundenzahlen psychotherapeutisch und psychiatrisch geleisteter Arbeit in den Praxen ehrlich abgebildet werden, damit nicht länger der Eindruck entsteht, wonach auch halbtägige Sprechstunden einen ganzen Kassensitz einnehmen. 

Gesellschaftlich braucht es eine Sensibilisierung für die erheblichen Steigerungen in den Betroffenenzahlen. Jeder von uns kennt mindestens eine Person, die schon einmal unter einer psychischen Erkrankung gelitten hat. Doch auch weiterhin werden die seelischen Krankheitsbilder aus dem Sinn geschoben, weil sie nicht so klar nachweisbar sind wie ein Beinbruch – und weiterhin mit Vorurteilen und Stigmatisierung behaftet erscheinen. 

Hierbei hilft nur aktive Aufklärung und Information in verschiedenen Projekten, in denen auch Betroffenen und Angehörige mitwirken und die verzerrten Bilder in der Öffentlichkeit relativieren. Es bedarf ebenso eines medialen Einsatzes, der bei aller Wichtigkeit der täglichen Corona-Zahlen allerdings auch vermeldet, wonach eine Epidemie der Depressionen, Ängste und Zwänge nahezu unbeachtet über das Land hinwegrauscht.
 
Aufmerksamkeit und Hinschauen sind vonnöten, denn die Langzeitfolgen einer manifestierten und chronischen Störung unserer Psyche haben mindestens genauso viele negative Auswirkungen wie ein Long-Covid-Syndrom. Das sollten wir uns gewahr werden und sensibel sein für die Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit und Sorgen coronabedingter Seelenkranker.

Dennis Riehle - 14:14 @ Selbsthilfe