Dennis Riehle

  

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19.06.2021

Selbsthilfegruppen in Covid-19-Zeiten: Profitieren sie von der Pandemie?

Kommentar

Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Trend der „Home-SHG“…

Sie scheinen in Zeiten der Krise einen massiven Zulauf zu erleben: Nicht nur, dass derzeit bundesweit neue Selbsthilfegruppen (SHG) aus dem Boden sprießen; auch ihre Digitalisierung lässt sie zu einem Anziehungspunkt für Betroffene werden, die eine Corona-Infektion durchstanden haben und nun mit den Folgen („Long-Covid“) kämpfen müssen. Nachdem es viele Jahre danach aussah, als habe sich der Verkaufsschlager „Selbsthilfe“ der 1980er, 1990er und 2000er schlichtweg überdauert, erlebt er nun eine krachende Renaissance. In einer Zeit, in der gesellschaftlicher Zusammenhalt eine neue Wertschätzung erfährt, scheinen die Menschen trotz der epochalen Tendenz zur Egozentrik wieder verstärkt auf den Wert des Erfahrungsaustausches zu setzen. In wieweit sich dieser Trend allerdings auch nach der Pandemie fortsetzen wird, bleibt im Moment noch unklar. Denn das Problem der Überalterung der Gruppen, der fehlenden Nachfolger in den SHG-Leitungen und einer zunehmenden Erwartungshaltung in die Monetarisierung des Ehrensamts ist auch dann nicht gelöst, wenn der Lockdown irgendwann ein Ende haben sollte.

Zweifelsohne haben die Maßnahmen zur Eindämmung des epidemischen Geschehens Einiges in Schwung gebracht, was oftmals brachlag. Nachdem Deutschland die Digitalisierung über Jahrzehnte verschlafen hatte und in dieser Frage von diversen Entwicklungsländern überholt wurde, scheinen wir nun wieder den Anschluss gefunden zu haben. Kaum eine Nation „zoomt“ dieser Tage wohl derart kräftig wie die Bundesbürger. Und davon profitiert auch die Selbsthilfebewegung: Nachdem viele Gruppenräume aus Hygienegründen während Corona geschlossen werden mussten, waren auch in mancher SHG die Drähte heiß gelaufen, um nach Alternativen zu suchen. Da kam die Entwicklung aus der Arbeitswelt gerade recht, wonach es sich von Zuhause offenbar genauso gut „konferenzieren“ lässt. Prompt nahmen viele Selbsthilfegruppen diesen Vorschlag auf – und verlagerten ihre Sitzungen ins Virtuelle. Dieses Angebot nutzten offenbar vor allem jüngere Menschen, die man bislang immer seltener von einer Teilnahme an einer SHG überzeugen konnte. Hat unsere Bewegung also eine Zukunft, wenn wir uns nur auf die Medien der Gegenwart einlassen? Sind „Home-SHGs“ also das Mittel der Wahl?

Wer mich kennt, weiß von meiner großen Skepsis gegenüber den modernen Kommunikationsmitteln. Keine Frage: Auch ich nutze Mail, „Doodle“ und „WhatsApp“. Doch meine Begeisterung für den Boom der Videokonferenzen hält sich in Grenzen. Als langjähriger Gruppenleiter habe ich das Zusammenkommen im Realen zu schätzen gelernt. Seitdem sich nach dem Zweiten Weltkrieg die ersten Witwen der Kriegsopfer in den Hinterzimmern der Kneipen trafen, um ihr Leid zu teilen, bestand ein wesentliches Alleinstellungsmerkmal der Selbsthilfegruppe im direkten Gespräch unter geschützten Rahmenbedingungen. Es ist unbestritten: Der Globus entwickelt sich weiter – und es spricht zunächst auch nichts dagegen, warum sich die Selbsthilfebewegung einem Modernisierungsprozess verschließen sollte. Aber ist es tatsächlich dem eigentlichen Ziel dienlich, wenn man bewährte Mechanismen nur deshalb über Bord wirft, weil sich neue Möglichkeiten eröffnen? Schlussendlich sollte es bei allen gesellschaftlichen Veränderungen doch nicht vorrangig um das Machbare gehen, sondern um die Frage, ob ein progressiver Wandel zur Erleichterung für die Menschen beiträgt und dem eigentlichen Zweck zuspricht.

Ersteres kann man sicher bejahen: Wer aus seinem Büro, dem Wohnzimmer oder von der Couch mit Gleichbetroffenen surfen kann, dem wird es möglicherweise leichter fallen, an einer Selbsthilfegruppe dieser Form teilzunehmen. Doch leistet Gemütlichkeit nicht gerade demjenigen Problem Vorschub, mit dem sich viele Interessierte überhaupt an eine SHG wenden? Nicht selten sind es soziale Isolation und Scheu vor Menschen, die zum Krankheitsbild von Betroffenen dazugehören. War es nicht ursprünglich ein Anliegen unserer Bewegung, sie aus ihrem gewohnten Umfeld herauszuholen und unter dem Dach der Anonymität zumindest an ein behütetes Umfeld heranzuführen, in dem sie gleichsam üben können, wieder am gesellschaftlichen Alltag zu partizipieren? Mit einem Rückzug in das imaginäre Leben am Bildschirm zementieren wir Einsamkeit. Ja, ich weiß, dass persönliche Treffen unter den Corona-Bedingungen nur schwerlich möglich waren. Trotzdem – und gerade deshalb – plädiere ich dafür, dass wir nach einer Rückkehr in eine Normalität die eigenen vier Wände wieder verlassen, uns zum SHG-Besuch aufraffen und uns nicht der Bequemlichkeit der Sofadecke hingeben.     

Denn für mich sprechen auch weitere Gründe dafür, nicht auf den Trend der digitalen Selbsthilfegruppe aufzuspringen. Abseits der fehlenden Motivierung, Menschen in schwierigen Lebenslagen zur Teilnahme an einer SHG nach draußen bewegen zu können, fehlt es einer multimedialen Zusammenkunft auch an der Gelegenheit zu unmittelbarer und reibungsloser Interaktion. Einmal abgesehen davon, dass uns Videochats auch im 21. Jahrhundert noch immer technische Probleme bereiten und ihre Zuverlässigkeit deshalb nicht selten in Frage gestellt wird, fällt auch das Moderieren einer Gruppe im virtuellen Raum schwer. Das merken wir als Leiter einer Runde aus mehreren Personen bereits im Analogen; im Digitalen sind die Gelegenheiten der Intervention noch deutlich beschränkter. Doch solche Eingriffsmöglichkeiten braucht es in allen Selbsthilfegruppen, da jederzeit und gleichsam unverhofft ein emotionaler Notfall eintreten kann. Und weil sich Gefühle über Fernleitung nur unzureichend übertragen lassen, ist das Erkennen von psychischen Ausnahmesituationen des Gegenübers über „Skype“ mindestens genauso unmöglich wie die Übermittlung von Trost und Halt per „FastViewer“.

Selbsthilfegruppen leben nach meinem festen Verständnis davon, anderen Mitgliedern beim Erzählen ihrer Leidensgeschichte in die Augen schauen zu können – und das in Echtheit, nicht über das Notebook. Ein empathisches Eingehen auf die Sorgen des Anderen braucht Nahbarkeit, keine Distanz. Aus der Wahrnehmung der letzten Monate wird für mich zudem deutlich, dass Selbsthilfe im Live-Stream ermüdet. Die wissenschaftlich beschriebene „Zoom-Fatigue“ unterstreicht, dass der Ressourceneinsatz und die Effektivität von Videokonferenzen in keinem gesunden Maß zueinander stehen. Das Kommunizieren über eine Mattscheibe strengt nicht nur an, sondern befördert schließlich auch ein psychisches Unwohlsein – beides ist für den Nutzen einer SHG wenig hilfreich. Dieser Befund lässt sich nicht zuletzt darauf zurückführen, dass Missverständnisse im imaginierten Raum auf der Tagesordnung stehen – das Lösen von Konflikten per WLAN aber diffizil wird. Und während dadurch die Unzufriedenheit der Beteiligten wächst, schmeißen Gruppenleiter diese anspruchsvolle, ehrenamtliche und oftmals undankbare Aufgabe in der medialen Umgebung sehr viel häufiger hin als außerhalb des Webs ohnehin bereits.   

Woher ich das weiß? Nicht nur mir selbst würde es so gehen, sondern auch Kollegen berichten mir in den vergangenen Wochen immer häufiger, dass sie das Experiment der virtuellen SHG aufgegeben haben. Sie beschreiben, was wir selbst erleben können: Der Output von Videochats ist häufig gering, stundenlange Dialoge führen letztendlich nicht zum gewünschten Ergebnis. Das entmutigt und frustriert, weshalb es aus meiner Sicht dringend nötig ist, die Frage nach dem Plus von digitalen Selbsthilfegruppen zu stellen. Denn als tragende Säule im Versorgungssystem nehmen die Selbsthilfegruppen auch fortan eine entscheidende Rolle in Prävention und Gesundheitsförderung ein. Sie ersetzen keine professionellen Maßnahmen, aber sie ergänzen die im Sozialwesen angebotenen Anlaufstellen. Dabei dienen sie nicht nur in der Corona-Krise als zeitliche Überbrückung bis zum nächsten Arzttermin oder einem freiwerdenden Platz auf Psychotherapie, wenngleich sie dafür weder gedacht, noch entsprechend ausgerüstet sind. Letztlich beweist der aktuelle Zustrom an neuen Selbsthilfeinteressierten jedoch, dass die Lücken in der ambulanten Betreuung eklatant sind.

Gleichwohl darf aus der Freiwilligkeit des Bürgerschaftlichen Engagements und dessen Unentgeltlichkeit kein politisches Signal ausgehen, wonach sich der Staat noch stärker aus der medizinisch-therapeutischen Daseinsversorge zurückziehen kann. Viel eher muss aus dem Aufschwung für die Selbsthilfebewegung die Botschaft klarwerden, die auch die Covid-19-Pandemie in ihrer Gesamtheit gelehrt hat: Zwar sind wir als mündige Bürger in der Lage und auch bereit, für unser Wohlbefinden einen selbstständigen Beitrag zu leisten. Allerdings nimmt das sowohl unsere Legislative wie Exekutive nicht aus der Pflicht, den grundgesetzlichen Auftrag zur Erhaltung des Sozialstaates und Gesundheitsschutzes in vollem Umfang zu erfüllen. Schlussendlich ist die Selbsthilfe Ausdruck von Eigenverantwortung, zu deren Umsetzung wir in der momentanen Lage besonders genötigt sind. Deshalb gehe ich fest davon aus, dass unsere Bewegung Zukunft hat. Allerdings: Da sich ganz offensichtlich abzeichnet, dass das Individualisieren in unseren Zeiten weitergeht und damit das Anspruchsverhalten der Bürger wächst, darf sich eine SHG niemals für den bedarfsorientierten Konsum des Einzelnen ausbeuten lassen.

Dass Selbsthilfe neue Ausdrucksformen finden muss, war bereits vor dem Digitalisierungsschub der Epidemie deutlich geworden. Denn der gesundheitsbewusste Mensch im Jahr 2021 stellt sich seine vorbeugenden wie kurierenden Vorkehrungen wie im Gemischtwarenladen nach seinen Anforderungen zusammen. Nein, Selbsthilfegruppen in Präsenz dürfen sich nicht erpressbar machen lassen und ihre Aktivitäten gegen die Überzeugung ausschließlich in den virtuellen Kontext verlegen. Ich selbst habe es hingenommen, dass mein eigenes Angebot eine lange Pause einlegen musste, weil ein seit Jahren andauernder Mitgliederschwund die Existenz der SHG nach altbewährtem Modell ins Wanken brachte – und das nicht zuletzt aufgrund meiner fehlenden Bereitschaft, imaginabel zu sein. Zwar habe auch ich gelernt, digitale Zugangswege wie eine Selbsthilfeberatung per Mail zu offerieren. Dennoch geniere ich mich nicht für meine Standhaftigkeit, die reale Selbsthilfegruppe lediglich um „Social Distance“-Maßnahmen zu ergänzen. Zumal ich mir sicher bin, dass wir niemandem einen Gefallen tun, wenn wir uns zeitgeistiger, aber unauthentischer Jugendlichkeit anbiedern. Denn für Werte muss sich auch eine SHG nicht schämen…

DennisRiehle - 08:05 @ Selbsthilfe