Dennis Riehle

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12.10.2021

Bekenntnis: ja, Mission: nein!

Leserbrief
zu: „Gebetsruf des Muezzin in Köln sorgt für hitzige Debatten“, „Rheinische Post“ vom 12.10.2021

Die Religionsfreiheit in Deutschland ermöglicht nicht nur, uns auch äußerlich in definierten Grenzen zu einer bestimmten Religionszugehörigkeit zu bekennen. Auch unser Gegenüber ist durch die Verfassung dazu angehalten, diesen Ausdruck religiöser Verbindung des Anderen zu respektieren – denn sie ist auch für den Anders- oder Nicht-Gläubigen in einem gewissen Ausmaße „zumutbar“. 

Der entsprechende Artikel des Grundgesetzes ist damit Garant für ein friedliches Miteinander der Religionen und Türöffner für interkulturelles Zusammenleben. Gemäß unseres Rechtsstaatsgedankens hat also Freiheit des Einzelnen so viel Platz zur Wirkung, bis der Mitmensch in seinen Grenzen tangiert wird. Insofern ergibt sich daraus zwar ein stetiges Spannungsverhältnis, das in einer toleranten Bundesrepublik trotz beschämender Schlagzeilen nach meiner festen Überzeugung weitgehend funktioniert. 

Denn jeder von uns hat ein grundlegendes Empfinden darüber, wann die religiösen Gefühle des Mitbürgers durch das Ausleben der eigenen Religiosität verletzt werden. Von einem Gegenüber kann insbesondere erwartet werden, dass ein passives Bekenntnis in Form einer Kopfbedeckung, einer Kette mit Anhänger oder einer angemessenen Körperbekleidung hingenommen werden muss, solange damit kein aktives Werben für eine bestimmte Religion verbunden ist. Wegweisend bleibt vor allem auch, ob mit dem reinen Bekenntnis eine sachliche Botschaft verknüpft ist, die in der Lage erscheint, missionarischen Charakter zu entfalten. 

An dieser Stelle dürfte nach meinem Verständnis die Grenzlinie verlaufen, an der sich Religionsfreiheit von religiösem Eifer trennt. Deshalb ist auch die Debatte um den Muezzin-Ruf auf Kölner Gebetshäusern überaus kritisch zu reflektieren. Denn während wir das Glockengeläut der Kirchen als Symbol ohne inhaltliche Konnotation verstehen können, werden über das Minarett Aufforderungen verbreitet, die fähig dazu sind, religiöse Konfrontation zu schüren und Unfrieden zu stiften. 

Dabei ist die Frage nachrangig, inwieweit die übermittelten Worte für eine nicht nur in der Mehrheit stehende Bevölkerungsgruppe von Andersdenkenden tatsächlich anstößig sein kann. Der alleinige Wesenscharakter als appellierender Aufruf überschreitet für mein Verständnis bereits das Limit größtmöglichen Pietät. Es kann vom andersgläubigen Mitbürger nicht erwartet werden, dass er die Worte des Muezzin ausblendet und sich dem Über- und Unterredungsversuch durch eine Religion zu unterwerfen verpflichtet ist, weil er ihr nicht entkommen kann. Das Lautspiel einer Glocke kann störend sein, ist aber nicht vordergründig mit einem oktroyierenden Charakter verbunden. 

Abseits der Frage über die öffentliche Sicherheit muss bei der Gestattung des Muezzin-Rufs tatsächlich auch beachtet werden, ob die wortgewaltige Unterbrechung des Alltags durch eine Glaubensgemeinschaft, die weiterhin eine erkennbare Minorität in unserem Land darstellt, verhältnismäßig ist und nicht einzelnen Religionsanhängern überproportional viele Rechte zugesteht. Denn Religionsfreiheit muss nicht zwingend Religionsgleichheit bedeuten. Immerhin scheint es um des friedenstiftenden Charakters von Multireligiosität angezeigt, das Ausmaß von Freiheitrechtsrechten in Äquivalenz zur Bevölkerungszahl derer zu stellen, die der jeweiligen Religionsgruppierung angehören. 

Dabei spielt nun weniger die polemische Debatte darüber, ob der Islam zu Deutschland und seiner religiösen und kulturellen Tradition gehört, eine entscheidende Rolle. Viel eher ist es die Aufgabe des Staates, die Vielfalt der Religionen authentisch abzubilden und nicht einzelnen Gemeinschaften aus Gründen dort artikulierter Benachteiligung Vorschub zu leisten, um manchem Mainstream religiöser Weltoffenheit gerecht zu werden. Wer ein faires Zusammenleben möchte, kann Proportionalitäten nicht übergehen.

Dennis Riehle - 09:34 @ Glaube