Dennis Riehle

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Liebe Besucher,


an dieser Stelle haben Sie die Möglichkeit, in meinem Blog von mir verfasste Texte zu lesen. Darunter finden sich Pressemitteilungen, Leserbriefe und Standpunkte zu Themen der Zeit, kritische Stellungnahmen zu gesellschaftlichen Entwicklungen sowie soziale und politische Meinungsbeiträge, die nicht den Anspruch erheben, in jedem Fall dem "Mainstream" zu entsprechen. Deshalb ist es nicht ausgeschlossen, dass Sie manche Beiträge nachdenklich machen oder gar Ihre eigene Gegendarstellung provozieren. Gerne können Sie mir deshalb auch Ihr Feedback unter Mail: Riehle@Riehle-Dennis.de zukommen lassen. Ich freue mich auf den Austausch mit Ihnen!


Ihr Dennis Riehle


V.i.S.d.P. für diesen Blog:

Dennis Riehle

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01.12.2021

Verlockungen widerstehen

Leserbrief
zu: „Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen waren verfassungsgemäß“, „Süddeutsche Zeitung“ vom 01.12.2021

Es waren insbesondere Unionspolitiker, die nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts über die „Bundesnotbremse“ reflexartig forderten, diese auch jetzt wieder zu bemühen, um die vierte Welle der Pandemie zu brechen. Manchmal wäre es aber hilfreich, sich ein Urteil genauer anzusehen, statt unüberlegt zu poltern und nach Söder’scher Manier medial Aktionismus zu verbreiten. 

Denn die Karlsruher Richter haben sehr deutlich gemacht, dass es für die Verhängung von Ausgangsbeschränkungen und Kontaktreduzierungen guter Gründe bedarf, die der jeweils aktuellen Lage angepasst sein müssen. Das bedeutet insbesondere, dass das Grundgesetz gerade keine pauschalen Maßnahmen rechtfertigt. Stattdessen dürfen sie nur in einer äußersten Gefahrenlage ergriffen werden, deren Definition sich an der Situation aus dem Frühjahr messen lassen muss. 

Die Verfassung erlaubt es der Politik nicht, zu jeder Zeit auf einen vollen Instrumentenkassen zurückzugreifen, sondern fordert von ihr eine Abwägung über die Verhältnismäßigkeit angesichts der zum jeweiligen Augenblick vorherrschenden Gegebenheiten. Dies bedeutet vor allem, dass im Dezember 2021 eben nicht zwingend davon ausgegangen werden kann, wonach auch heute wieder eine solch bundesweite Not herrscht, wie sie noch vor einem dreiviertel Jahr galt, als kaum jemand geimpft war und sich die Inzidenzen über die Republik nahezu ähnelten. 

Vor allem die Freien Demokraten mit dem designierten Justizminister Marco Buschmann haben nach dem Beschluss des Verfassungsgerichts mit einer sehr differenzierten Bewertung reagiert: Anstelle von unüberlegten Forderungen nach einem generalisierten Lockdown hat man bei den Liberalen verstanden, dass es auch bei explodierenden Zahlen in einigen Bundesländern ein stetiges Gegenüberstellen von Grundrechtseingriffen und Freiheitsrechten braucht, um zu einer ausgewogenen und rechtssicheren Ausgestaltung von bundesgesetzlichen Regelungen zu kommen.

Zweifelsohne: Die Lage auf vielen Intensivstationen ist dramatisch, die wachsende Zahl an Infizierten muss uns ernsthafte Sorge bereiten. Doch Politik war noch nie gut damit beraten, aus Panik heraus zu handeln. So besonnen, wie Karlsruhe zu seiner abgestuften Einordnung gelangt ist, sollte auch die künftige Koalition agieren: Der Notschalter mag verlockend sein, Versuchungen muss man aber widerstehen.

Dennis Riehle - 07:48 @ Politik

29.11.2021

Macht hoch das Klima!

Leserbrief 
zum Auftakt der protestantischen Hilfsaktion „Brot für die Welt“, SÜKDURIER vom 29.11.2021

Die deutschen Protestanten haben im Eröffnungsgottesdienst zu “Brot für die Welt” der politischen Klimaerweckung eine Bühne geboten: In der Detmolder Christuskirche feierte die Gemeinde zum Auftakt der bundesweiten Hilfsaktion unter liturgischer Mitwirkung der örtlichen “Fridays for Future”-Gruppe. Diese nutzte die Gelegenheit, um die Evangelische Kirche in ihrem Sinne zu kapern - und offenbar empörte sich keiner der Gläubigen.

Im Gegenteil: Einstimmig wurden Pauschalisierungen hingenommen, die die Vertreterin der Protestbewegung aufbrachte. Ohne die dargestellten Kausalzusammenhänge kritisch zu hinterfragen, lauschten die Anwesenden dem erhobenen Zeigefinger. Während man nach außen nahezu scheinheilig und kräftig in die ersten Adventslieder einstimmte, dürfte manch ein Aktivist im Chorraum insgeheim wohl eher die Götzin Thunberg gepriesen haben.

Fotos aus den Flutgebieten sorgten für Scham und Schuld, die menschgemachte Erderwärmung sei alleiniger Auslöser der extremen Wetterereignisse dieser Tage. Ein Schelm, wer dabei auf den Gedanken kommt, dass sich mit Panikmache am meisten Spendengeld akquirieren lässt. Zweifelsohne: Die Wahrung der Schöpfung muss die Religionen etwas angehen. Und ja, sie sollen sich ausdrücklich gesellschaftsthematisch äußern und positionieren.

Wenn sich aber Glaubensgemeinschaften vor den Karren einer aufbegehrenden Generation spannen und sich zum Multiplikator von Neubauers und Reemtsmas Parolen missbrauchen lassen, irritiert mich das. Kanzeln sollen dazu dienen, den Schäfchen die biblische Botschaft nahezubringen. Dazu gehört auch, sie zu einem ressourcenschonenden und nachhaltigen Verhalten zu ermutigen. Denn das dürfte im Sinne Gottes sein, der uns diese Erde unter der Maßgabe verantwortungsvollen Handelns überlassen hat.

Predigten sind aber nicht dafür da, zu Aktionismus aufzurufen und Beklemmungsgefühle zu säen. Nicht das erste Mal lässt sich die Institution Kirche instrumentalisieren. Es gehört nicht zu ihren Aufgaben, lobbyistische Thesen ungeprüft und generalisiert zu verbreiten. Wir wissen bis heute nicht abschließend, welche anthropogenen Effekte auf das Klima Einfluss haben. Deshalb täten auch Christen gut daran, nicht blind auf scheinbar zeitgeistige Angstmacherei hereinzufallen und ihren Lebensstil statt aus dem Selbstzweck des Popularismus und wissenschaftlicher Modellrechnungen viel eher in Überzeugung und Glaube an einen respektvollen Umgang mit dem Geschenk des irdischen Daseins anzupassen.

Wir sollten dabei auf die gottgegebene Vernunft vertrauen, weniger auf manch jugendliche Emotionalität und Naivität. Kirchen sind Orte des stillen Gebets und der überlegten Verkündigung, nicht der schrillen Töne und des lauten Geschreis. Wer politische Reden hören möchte, kann sich von unzähligen Talkshows aufreiben lassen. Wenigstens Gotteshäuser müssen Hallen der inneren Einkehr bleiben - wenn sie nicht bereits zu bloßen Sprachrohren des Mainstreams verdorrt sind.

Dennis Riehle - 07:42 @ Gesellschaft

27.11.2021

Die Ersten werden die Letzten sein!

Kommentar
zum Beschluss des Klimastrategiepapiers durch den Konstanzer Gemeinderat, SÜDKURIER vom 27.11.2021

Der Umstand, dass die größte Stadt am Bodensee schon immer zu den Visionären gehört hat, machte Konstanz bereits als Vorreiter bei der Wahl eines „grünen“ Oberbürgermeisters deutlich. Und auch mit dem Ausruf des Klimanotstandes unterstrich man deutlich die ökologischen Ambitionen. Und während auf Bundesebene einer der reformorientiertesten Koalitionsverträge der jüngeren Geschichte auf den Weg gebracht wird, möchte man im Süden der Republik schon wieder meilenweit überholen:

Bis 2035 will man klimaneutral sein, ein entsprechendes Strategiepapier hat der Gemeinderat auf Grundlage einer Empfehlung beschlossen, die selbst von Experten als schwer einzuhalten betrachtet wird. Und während sich vor allem die Freie Grüne Liste über landesweite Schlagzeilen freut, bleiben beträchtliche Teile der Bevölkerung mit vielen Fragezeichen zurück:

Wo soll der bewegungseingeschränkte Mensch, der aufgrund seiner Behinderung auf das Auto angewiesen ist und für einen Arzttermin in die Altstadt möchte, künftig einen Parkplatz finden? Wer kann wirklich garantieren, dass die berufstätige und alleinerziehen Mutter aus der Peripherie, die ihre Kinder zur Schule bringen und zur Arbeit in die Konstanzer City kommen muss, fortan ein ausreichendes ÖPNV-Angebot vorfinden wird? Und was macht der Hausbesitzer im Vorort, dessen Dachfläche für Photovoltaik ungeeignet ist und der in den kommenden Jahren nicht vom Fernwärmenetz erschlossen wird, wenn ihn Verordnungen und Preisdruck in die Armut treiben?

Das Hau-Ruck-Verfahren von Teilen des Stadtrates ist ein selbstherrliches Ausnutzen der repräsentativen Demokratie, um Ideale durchzusetzen und persönliches Ansehen zu erzwingen. Während man noch vor einiger Zeit mit Bürgerbeteiligung prahlte, arbeiten und argumentieren nicht wenige Kommunalpolitiker heute an der Einwohnerschaft vorbei. Entscheidungen werden nicht mehr erklärt, sondern Schritt B vor A gegangen. In Berlin war jüngst davon die Rede, die Menschen „mitnehmen“ zu wollen.

Dieses Credo beherzigen vor allem Konstanzer Grüne derzeit beim besten Willen nicht. Absolutismus und Utopismus werden vor Pragmatismus und die Lebenswirklichkeit des Volkes gestellt. Mitsprache hat ausgedient, oligarchische Tendenzen schaden der Demokratie. Man mag im Klimaschutz der Erste werden; mit seiner Egomanie wird Konstanz partizipatorisch aber der Letzte sein.

Dennis Riehle - 12:33 @ Politik

Verpasster Systemwechsel

Leserbrief
zur Absicht der künftigen Koalition, „Hartz IV“ durch ein „Bürgergeld“ zu ersetzen / SÜDKURIER vom 26.11.2021

Viele Beobachter sehen im neuen „Bürgergeld“, das die „Ampel“-Regierung einführen möchte, eine deutliche Abkehr von „Hartz IV“. Ich kann diesen Optimismus allerdings nicht teilen. Denn die Formulierungen im Koalitionsvertrag mögen zwar eine Wegwendung von den Sanktionen erkennen lassen. Diese waren nach dem Gerichtsurteil des Bundesverfassungsgerichts aber ohnehin schon beschränkt worden.

Ich habe in meiner Arbeit als Psychosozialer Berater zudem den Eindruck gewonnen, dass es nicht diese Kürzungen sind, mit denen die meisten Bezieher des Arbeitslosengeldes II vorrangig hadern. Viel eher sind es die kaum realistischen und stets viel zu verzögert angepassten Regelsätze, mit denen ein Individuum kein vernünftiges soziokulturelles Dasein fristen kann – welches aber die Verfassung vorsieht und das auch mit der umdefinierten Sozialleistung der künftigen Koalition nicht erreicht werden wird.

Gleichsam war die fehlende individuelle Förderung bisher ein Manko – und scheint es ebenfalls zu bleiben. Der Irrglaube, die große Mehrheit der arbeitssuchenden Bevölkerung müsse eher gefordert statt gefördert werden, scheint insbesondere durch die „Freien Demokraten“ in der kommenden Koalition beständig aufrechterhalten worden sein. Dabei habe ich erlebt, wonach es in den überwiegenden Fällen ein Bedürfnis der Leistungsempfänger ist, endlich wieder Beschäftigung zu haben.

Kaum jemand von ihnen sitzt gerne den ganzen Tag fernsehguckend auf der Couch. Arbeit ist Ablenkung, Sinn und Erfüllung – weshalb es wichtig gewesen wäre, von Endlosschleifen an Rhetorikseminaren, Qualifikationen à la Grundschul-Rechenaufgaben und dem Zwang zu erwartbar ergebnislosen Initiativbewerbungen abzurücken. Wertschätzung gegenüber Menschen bedeutet einerseits, ihnen einen der Inflation und den tatsächlichen Lebenshaltungskosten angemessenen Geldbetrag zu gewähren – und das bedingungslos, nicht als Anreiz.

Andererseits heißt es aber auch, sie nicht länger als Nummern zu behandeln, die vom „Jobcenter“ schematisch abgearbeitet und Beschäftigungstherapien zugeführt werden. Im Kern hat man sich von den Schröder’schen Reformen auch bei Rot-Grün-Gelb nicht verabschiedet, weil man es verpasst hat, Arbeitslosen wieder eine Würde zu geben.

Dennis Riehle - 09:47 @ Politik

Westliche Kurzsichtigkeit

Leserbrief
zur Nominierung von Annalena Baerbock als Außenministerin, SÜDKURIER vom 26.11.2021

Es ist unübersehbar: Die neue Außenministerin Baerbock fährt einen sehr einseitigen Kurs, was die Ausrichtung ihrer Politik in der Welt angeht. Die Verherrlichung des Verhältnisses zu den Vereinigten Staaten ist für ein Land, das sich angesichts seiner Geschichte und Position im Herzen von Europa als ein Vermittler, Schlichter und neutraler Moderator verstehen sollte, eine Bankrotterklärung. Denn das enge Bündnis durch die Verpflichtungen in der NATO bringt die Bundesrepublik in eine stetige Abhängigkeit und militärische Bereitschaft, die Deutschland auch aus historischen Gründen nicht guttut.

Überhaupt irritiert mich die uneingeschränkte Freundschaft, die die Grünen-Politikerin mit den USA betont, aus verschiedener Hinsicht. Nein, ein Staat, der sich das Recht herausnimmt, durch die Beibehaltung der Todesstrafe gegen wesentliche westliche Werte zu verstoßen, ist keine lupenreine Demokratie. Dort, wo immer wieder über die Möglichkeit der Folter als Druckmittel gegenüber Gefangenen – und seien es auch potenzielle Terroristen – schwadroniert wird, werden Menschenrechte ganz offenkundig nicht eingehalten. Und mit einer Nation, die in der jüngeren Vergangenheit mehrere Kriege über das Knie gebrochen hat, sollten wir nicht derart unbeschwert umgehen, wie es die künftige Bundesregierung plant.

Eine kritischere Haltung gegenüber Amerika wertet diktatorisch anmutende Länder wie Russland und China keinesfalls auf. Stattdessen ist es unsere Aufgabe, Scheuklappen abzulegen und singuläre Partnerschaften nicht zu überhöhen. Die Verblendung von Rot-Grün-Gelb in Sachen Außenpolitik wird die diplomatischen Fähigkeiten Deutschlands beschränken. Dabei wäre es gerade unsere Verantwortung und Verpflichtung, Gesprächskanäle zu allen Seiten offenzuhalten, um für eine weltweite Verbesserung von Grund- und Bürgerrechten, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit einzutreten.

Auch mir ist ein Ansprechpartner Biden deutlich sympathischer als Putin. Doch darum geht es nicht. Mit der „Ampel“-Koalition werden wir noch sehr viel stärker als je zuvor auf eine transatlantische Bindung setzen – und uns damit gleichsam in Okkupation begeben. Das machen auch das indirekte Anpeilen des 2 %-Ziels bei den Verteidigungsausgaben oder der Entschluss zur Anschaffung von bewaffneten Drohnen deutlich: Die Chance auf eine Abrüstung wird vertan, die Abkehr von Gewaltspiralen rückt in immer weitere Ferne. Mit den pazifistischen Ambitionen der Bündnisgrünen aus den 1990er-Jahren hat das nicht mehr viel zu tun. Wir schmeißen uns Amerika in die Arme – und tolerieren damit Missstände und ein Ungleichgewicht, das dem Weltfrieden nicht dienlich ist.

Dennis Riehle - 08:26 @ Politik

25.11.2021

Das hat die Jugend nun davon…

Kommentar
zum Koalitionsvertrag der neuen „Ampel“-Regierung

Die Zukunft in Deutschland: Nachdem die 16-jährige Schwangere von der Stimmabgabe zur Bundestagswahl mit ihrem frisch gemachten Führerschein nach Hause fährt und sich nebenbei (obwohl erst mit 18 erlaubt) mit ein wenig Cannabis die Stimmung aufhellt, hört sie im Radio den Werbespot zur Abtreibung und fragt sich, ob sie sich ohne Kind vielleicht eher die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach leisten kann – oder weiterhin auf das sie gängelnde „Bürgergeld“ angewiesen sein wird, das früher „Hartz IV“ gewesen ist und sie auch heute daran hindert, für das Alter privat vorzusorgen, weil die aktienbasierte Rente den Bach hinunter gegangen ist und der Bund aufgrund der exorbitanten Rüstungsausgaben für neue Waffen-Drohnen nicht in der Lage ist, den Beitragssatz stabil zu halten und den Energiekonzernen Milliarden für deren Verluste durch den frühen Kohleausstieg schuldet. Letztlich ist sie mit ihren Gedanken aber nur bei ihrem heißgeliebten Wirtschaftsminister Habeck, welchem sie blind vertraut und fröhlich einstimmt: Zumutungen sind nötig, um Fortschritt zu wagen…

Dennis Riehle - 07:10 @ Politik

Gesellschaftspolitische Geisterfahrt

Leserbrief
zur Berichterstattung über den Koalitionsvertrag der “Ampel”-Regierung, SÜDKURIER vom 25.11.2021

Zweifelsohne hat Deutschland jetzt eine ambitionierte Regierung. Tatsächlich dürfte sie derart umfassende Reformen auf den Weg bringen, wie es bisher kaum ein Bündnis getan hat. Und selbstredend ist es angesichts der Herausforderungen für unser Land notwendig, dass grundlegende Veränderungen angegangen werden.

Doch der Koalitionsvertrag scheint einerseits ein Diktat der Jugend zu sein. Andererseits offenbart er im gesellschaftspolitischen Bereich drohende Dammbrüche, die soziales Konfliktpotenzial in sich tragen. Ja, die Überschrift des Papiers spricht davon, dass man den Fortschritt „wagen“ wolle.

Tatsächlich braucht es Mut, wenn man beispielsweise eine Droge für Erwachsene kontrolliert zugänglich machen will, deren Konsum zu vielfach relativierten Gesundheitsfolgen führt – und nach Alkohol und Zigaretten zum nächsten Suchtmittel wird, dessen Auswirkungen sich nach der Legalisierung kaum mehr einfangen lassen.

Es bedarf guter Argumente, weshalb man einen Schwangerschaftsabbruch als Dienstleistung anpreisen und für ihn wie einen Frisörbesuch oder den Kauf von Waschmittel werben möchte. Die Möglichkeit zum Erhalt des Führerscheins ab 16 Jahren ist ein Zugeständnis auf Druck der Wählerklientel, die man künftig auch bei Bundes- und Landtagswahlen an die Urnen lassen will – ohne aber gleichzeitig die politische Bildung zu schärfen und damit zu riskieren, dass pubertierende Heranwachsende nach Tagesform ein verbindliches Kreuz auf dem Stimmzettel setzen.

Es ist eine friedenspolitische Irrfahrt, nun doch bewaffnete Drohnen anzuschaffen, die von Soldaten aus der Ferne am Bildschirm gelenkt werden und Menschen mit einem Knopfdruck töten können – wie in einem fiktiven und unechten Computerspiel, das aber bittere Realität ist und die Skrupellosigkeit auf die Spitze treibt.

Und während die „Grünen“ Umweltschutz an oberste Stellen setzen, sollen jedes Jahr 400.000 neue Wohnungen gebaut und damit riesige Flächen erschlossen werden – einer von vielen Widersprüchen und Verblendungen, wie der Euphemismus des neuen Bürgergeldes, der im Vergleich zu „Hartz IV“ faktisch keinerlei Verbesserungen für die Hilfebedürftigen bringen wird.

Letztlich wird es maßgeblich darauf ankommen, ob die Breite der Bevölkerung bei all diesen Vorhaben mitgenommen werden kann. Wenn es nicht gelingen sollte, dem einfachen Bürger Alternativen und Ausgleiche für den Umstieg auf erneuerbare Energien anbieten zu können, wird aus dem versprochenen Zusammenhalt eine Spaltung. Aus Habecks „Zumutungen“ drohen dann, rasch Entmutigungen zu werden…

Dennis Riehle - 06:44 @ Politik

15.11.2021

Auch Flüchtlinge können fliegen!

Leserbrief
zu Äußerungen von Kanzleramtschef Braun, Ministerpräsident Kretschmer und der Europäischen Union über eingeflogene Flüchtlinge nach Belarus, SÜDKURIER vom 15.11.2021

Menschen befinden sich in katastrophalen humanitären Zuständen an der belarussischen-polnischen Grenze – und immer mehr Unionspolitiker fordert dazu auf, Migranten von dort nicht aufzunehmen und Polen beim Bau einer Sicherheitsmauer zum Schutz der europäischen Außengrenze zu unterstützten. Entsprechend haben sich beispielsweise Ministerpräsident Kretschmer und Kanzleramtsminister Braun eingelassen. 

Die CDU/CSU profiliert sich nach ihrem Wahldebakel nach recht, verabschiedet sich damit vom Aufruf ihres früheren Kanzlerkandidaten, die Lücke nach links zu schließen, statt immer weiter nach rechts zu rücken, um dort etwaige AfD-Wähler abfischen zu können. Mit Menschenfreundlichkeit hat die derzeitige Politik der Christdemokraten nur noch wenig zu tun. 

Sie verschließt die Augen vor Leiden und Sterben in den Wäldern Weißrusslands. Polen selbst hat sich längst von EU-Recht verabschiedet. Der Anspruch auf Asyl wird dort verwehrt. Und nicht umsonst stemmt man sich gegen den Einsatz von „Frontex“, müsste man dann doch die Verantwortung an der polnischen Außengrenze zumindest in Teilen in europäische Hoheit abgeben – und Menschen zumindest geordneten Übergang ins Land gewähren und ihnen eine Möglichkeit zur Antragstellung auf Asylstatus bieten. 

Und auch die Europäische Union trägt dazu bei, dass die Lage sich weiter verschlimmert: Mit dem Entziehen von Landeerlaubnissen für Fluggesellschaften, die Migranten transportieren, möchte man die Zuströme nach Europa mindern. Ist ein Mensch weniger schutzbedürftig, nur, weil er sich ein Flugticket leisten kann? 

Es gibt nicht nur Flüchtlinge, die sich über Wochen und Monate zu Fuß auf die Flucht aus ihrem Heimatland begeben. Der Umstand, dass sich einzelne von Ihnen das Flugzeug leisten können, macht sie nicht weniger zu Asylsuchenden, die einen eklatanten Grund haben, sich schweren Herzens auf die Reise zu machen. Die Formulierungen der letzten Tage, wonach Menschen, die genug Geld für einen Lufttransport besitzen, keine wirkliche Not durchlebt haben, ist absurd. 

Menschen fliehen gerade aus den derzeit besonders betroffenen Gebieten wie Afghanistan oder dem Irak nicht aus finanziellen Aspekten, sondern weil sie dort verfolgt werden. Deshalb ist es zynisch und völkerrechtswidrig, Migranten vom Asylanspruch auszuschließen, wenn sie mit dem Flugzeug an die Außengrenze der Europäischen Union gebracht werden.

Dennis Riehle - 14:15 @ Gesellschaft

Therapieplätze, Beratungsangebote, sektorenübergreifende Maßnahmen

Leserbrief
zu: „Die Pandemie, über die man lieber schweigt“, „derFreitag“ 41/2021

Als Leiter einer Selbsthilfegruppe für psychische Erkrankungen nehme ich seit etwa einem Jahr eine massive Zunahme von Anfragen wahr, die im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungsbildern als Folge der Corona-Schutzbeschränkungen angesehen werden können. 

Isolation, sozialer Rückzug und Arbeiten von zu Hause aus: All das setzt vor allem den jüngeren Menschen sehr zu, für die die gesellschaftliche Teilhabe noch ein wesentlicher Aspekt der gedeihlichen Entwicklung darstellt. Wer sie für längere Zeit aus den gewohnten Strukturen herausnimmt und sie von der Außenwelt abkapseln muss, wird rasch bemerken, wie sich Kinder und Jugendlich in ihrer Persönlichkeit und Psyche rasch verändern. 

Bei aller Notwendigkeit der pandemischen Maßnahmen wird in unseren Medien viel zu wenig über die massive Welle an seelischen Beeinträchtigungen gesprochen, die immer stärker über uns hereinbricht. Die ohnehin angespannte Lage bei der Vergabe von Psychotherapie-Plätzen hat sich weiter dramatisiert. 

Die Versorgungsstrukturen sind kurz vor dem Zusammenbruch. Betroffene warten monatelang auf Termine beim niedergelassenen Facharzt und Therapeuten, müssen oftmals stationär behandelt werden, nachdem sie ambulant nicht mehr betreut werden können. 

Immer öfter wenden sich die Hilfesuchenden dann auch an niederschwellige Beratungsangebote – wie an unsere Selbsthilfegruppe. Wir versuchen, zumindest einige Zeit mit Information, Aufklärung, Seelsorge, Zuhören und Tipps zu überbrücken, doch die Wahrheit ist, dass das psychotherapeutische Versorgungswesen unter einer ähnlichen Belastung keucht wie die Intensivmedizin. 

Deshalb braucht es dringend eines Einschreitens in verschiedener Hinsicht: Kurzzeitig müssen approbierte Psychotherapeuten, die nicht kassenzugelassen sind, in die Regelversorgung einbezogen werden. Auch muss die Bedarfsplanung für Psychotherapie-Plätze endlich weitgehend reformiert und neue Parameter eingeführt werden, damit in Stadt und Land eine verhältnismäßig ausgeglichene Zahl an Sitzen zugelassen werden kann. 

Berücksichtigung müssen auch regionale, demografische, wirtschaftliche und gesundheitlich-soziale Kennziffern finden, damit eine wirklichkeitsnahe Abbildung des Bedürfnisses an psychiatrisch-psychotherapeutischer Versorgung erfolgen kann. Auch die sektorenübergreifenden Konzepte müssen ausgeweitet werden, gleichsam müssen die tatsächlichen Stundenzahlen psychotherapeutisch und psychiatrisch geleisteter Arbeit in den Praxen ehrlich abgebildet werden, damit nicht länger der Eindruck entsteht, wonach auch halbtägige Sprechstunden einen ganzen Kassensitz einnehmen. 

Gesellschaftlich braucht es eine Sensibilisierung für die erheblichen Steigerungen in den Betroffenenzahlen. Jeder von uns kennt mindestens eine Person, die schon einmal unter einer psychischen Erkrankung gelitten hat. Doch auch weiterhin werden die seelischen Krankheitsbilder aus dem Sinn geschoben, weil sie nicht so klar nachweisbar sind wie ein Beinbruch – und weiterhin mit Vorurteilen und Stigmatisierung behaftet erscheinen. 

Hierbei hilft nur aktive Aufklärung und Information in verschiedenen Projekten, in denen auch Betroffenen und Angehörige mitwirken und die verzerrten Bilder in der Öffentlichkeit relativieren. Es bedarf ebenso eines medialen Einsatzes, der bei aller Wichtigkeit der täglichen Corona-Zahlen allerdings auch vermeldet, wonach eine Epidemie der Depressionen, Ängste und Zwänge nahezu unbeachtet über das Land hinwegrauscht.
 
Aufmerksamkeit und Hinschauen sind vonnöten, denn die Langzeitfolgen einer manifestierten und chronischen Störung unserer Psyche haben mindestens genauso viele negative Auswirkungen wie ein Long-Covid-Syndrom. Das sollten wir uns gewahr werden und sensibel sein für die Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit und Sorgen coronabedingter Seelenkranker.

Dennis Riehle - 14:14 @ Selbsthilfe

Moralische Autorität befähigt nicht, Moralapostel sein zu dürfen…

Kommentar
zur Rede von Bundespräsident Steinmeier anlässlich des Volkstrauertages 

Ich bin nicht zum ersten Mal zumindest über Teile von Reden des deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier irritiert. Auch bei der Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertrag sprach er im Bundestag und fand mahnende und bewegende Worte gleichermaßen. Er hat recht, dass unser Gedächtnis mit der Brutalität deutscher Verbrechen in der Historie überfordert ist.

Daher ist es richtig, dass wir die abstrakte Barbarei in unseren Köpfen mit Beispielen konkreter Taten der deutschen Wehrmacht unterfüttern, um überhaupt in die Lage versetzt zu sein, über die vielen Einzelschicksale der Menschen, die auf allen Seiten des Weltkrieges zu Tode gekommen sind, trauern zu können. Ich gehe mit Steinmeier aber keineswegs in der Frage konform, weshalb große Teile der deutschen Bevölkerung bis heute ein ambivalentes Verständnis gegenüber unserer Bundeswehr haben.

Nicht, weil ich die grausame Vergangenheit verdränge, sondern weil ich ihr gewahr bin, stehe ich der deutschen Truppe mit großer Skepsis gegenüber. Die Distanz vieler Bürger zu unserer Armee speist sich nicht aus der Scham, nichts mehr mit dem Militarismus des letzten Jahrhunderts zu tun haben zu wollen – wie es der Bundespräsident in seiner Ansprache meinte. Ganz im Gegenteil: Die Bilder und die Tatsachen, die uns von Zeugen aus den großen Schlachten überliefert werden, sind der alleinige Grund dafür, dass viele Deutsche mit der Bundeswehr hadern. Denn ihnen ist das Martyrium Warnung genug, sie setzen sich für einen stringenten Pazifismus ein.

Und wenn man Steinmeiers Worte weiter dekliniert, dann scheint aus seiner Sicht Frieden oftmals nur mit militärischen Mitteln durchzusetzen zu sein. Diese Haltung vertrete ich explizit nicht und bedauere sie besonders aus dem Munde eines Außenpolitikers, von dem ich eigentlich erwarte, dass er sich vehement und uneingeschränkt für diplomatische und waffenlose Konfliktlösungen in der Welt einbringt.

Dass in manch einem Krisengebiet militärisch interveniert werden muss, um überhaupt eine Grundlage für Friedensgespräche zu schaffen, gehört zur pragmatischen Wirklichkeit ebenso dazu, wie die Wahrheit, dass wir wohl auch künftig mit UN-Missionen den Frieden in fernen Ländern schützen müssen. Doch der Grundtenor vieler Deutscher ist klar: Sie entfernen sich von der Bundeswehr als Verteidigungsarmee, weil sie ein Zeichen für eine gewaltlosere Welt setzen möchten. Dabei schieben wir eben gerade nicht das zur Seite, was in den Kriegen durch unsere Soldaten verbrochen wurde.

Viel eher argumentiere ich aufgrund dieser Bilder und Eindrücke, dass es ein neues Verständnis unserer Bundeswehr bedarf. Der einzelne Soldat als Mensch von heute ist nicht derjenige, der für die todbringenden Jahrzehnte verantwortlich gemacht werden kann. Doch eine Armee als Institution steht solange in einer unmittelbaren Nachfolge zu dem Heer, das von Hitler zum Morden in die Welt geschickt wurde, wie sie den Kurs von Kriegstreiberei in den heutigen Konfliktregionen zumindest durch mittelbares Eingreifen unterstützt.

Deshalb würde die Bundeswehr nur dann zu einer von weiteren Teilen der deutsche Bevölkerung wertgeschätzten und angenommenen Truppe werden, wenn sie sich zunehmend auf Katastrophenhilfe im Inland und ausschließlich unter UN-Mission stehende Friedenseinsätze beschränkte. Unsere Armee muss diplomatische Beiträge zur Konfliktentschärfung leisten und sollte als Friedensbotschafter ohne Waffengewalt in die Kontinente geschickt werden. Das mag wie Utopie klingen, ist letztlich aber der Wunsch vieler Deutscher, die Vergangenheit nicht verdrängen, sondern nie wieder Krieg erleben wollen.

Dennis Riehle - 14:12 @ Gesellschaft

13.11.2021

Bellevues erhobener Zeigefinger

Leserbrief
zu: „Steinmeier erhält dritte Impfung und appelliert an Zögerliche“, „Stuttgarter Nachrichten“ vom 13.11.2021

Das Amt des Bundespräsidenten hat gerade in den letzten Jahrzehnten immer wieder durch verschiedene Skandale und Rücktritte gelitten. Mit Frank-Walter Steinmeier schien ein Staatsmann an die Spitze der Bundesrepublik getreten zu sein, welcher dieser Funktion neuen Glanz und frische Integrität gebracht hat. Doch seit geraumer Zeit bin ich verstört über die tagespolitischen Einmischungen des Sozialdemokraten. 

Ob es nun beim Thema „Klimaschutz“ oder der Migrationspolitik gewesen ist: Er redete den Deutschen ins Gewissen. Das ist auch seine Aufgabe, denn neben den repräsentativen Verpflichtungen ist es besonders die Meta-Analyse der politischen Situation in unserem Land, mit der der Bundespräsident punkten kann. Doch seine Einlassungen zu bestimmten Aspekten werden dann grenzwertig, wenn er mit seiner normativen Autorität versucht, die Stimmung im Land zu beeinflussen. 

Das geschieht angesichts seiner aktuellen Aussagen über „Impfverweigerer“ ganz deutlich: Mit der unterschwelligen Schuldzuweisung gegenüber Menschen, die sich aus freien Stücken gegen eine Immunisierung aussprechen und damit ihr gutes Recht in Anspruch nehmen, zweckentfremdet Steinmeier seine zweifelsfrei zulässige Wegweisung und Orientierung für unsere Gesellschaft zur bewussten Bedrängnis von unentschlossenen Bürgern, die einer Verabreichung von Vakzinen aus unterschiedlichen Gründen skeptisch gegenüberstehen. 

Als Betroffener einer seit Monaten andauernden, vermeintlichen Impfkomplikation kann ich deren Bedenken sehr wohl nachvollziehen und bin über manch eine Überheblichkeit derjenigen erschüttert, die die Impfung herunterspielen. Sie ist und bleibt ein erheblicher Eingriff in den Organismus. Ja, der Präsident darf mahnen und warnen – es liegt aber sicherlich nicht in seiner Befugnis, die Bevölkerung für mangelnden Umweltschutz, unzureichende Solidarität oder Impfträgheit zu maßregeln. 

Ein Lehrer der Nation mit erhobenem Zeigefinger passt nicht nach Bellevue, sondern eine Persönlichkeit, die zusammenführt und Verständnis zeigt. Von Moralaposteln und Besserwisserei haben wir genug. Es braucht Brückenbauer und Friedensstifter. Diplomat Steinmeier hätte allemal das Zeug dazu.

Dennis Riehle - 08:03 @ Politik

06.11.2021

Glaube ist in erster Linie Privatsache…

Leserbrief
zu: „Ist ein Kirchenaustritt eine Abkehr von Gott?“, „Rheinpfalz“ vom 05.11.2021

Ich gehöre seit vielen Jahren nicht mehr der Kirche an, glaube aber weiterhin an Gott. Auch wenn ich eine Phase der Zuneigung gegenüber dem evolutionären Atheismus verspürt hatte, bin ich mittlerweile wieder zu christlichen Überzeugungen zurückgekehrt und behaupte, dass die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft zwar einen Rahmen für die Ausübung der eigenen Weltanschauung bietet. 

Und natürlich wissen wir um den Mehrwert der Gemeinschaft. Gemeinsames Singen, gemeinsames Beten und gemeinsames Feiern haben insbesondere in sozialer Hinsicht eine nachgewiesene Bedeutung. Das bedeutet aber keinesfalls, dass Glaube Kirche bedingt – oder umgekehrt. Zwar hat auch Jesus die Gemeinschaftlichkeit immer wieder betont. Und die Pfingstgeschichte macht deutlich, dass eine Bewegung im Sinne einer Kirche auch biblisch begründet ist. 

Dennoch gibt es aus meinem Verständnis keinen unmittelbaren oder gar zwingenden Zusammenhang zu unserem Gottesglauben. Denn wer sich – wie auch ich – Rituale des alltäglichen Lebens schafft, der kann ein religiöses Leben ohne die Zugehörigkeit zu einem Zusammenschluss führen. Denn die Nachfolge im Sinne Christi beruht vor allem auf der Ermutigung, das eigene Dasein in den christlichen Dienst zu stellen. Dies kann in einem Verbund geschehen – letztlich bleibt der Glaube aber nicht nur Privatsache, sondern eine höchstpersönliche Entscheidung des Einzelnen, die er durch Erkenntnis und Fügung erlangt. 

Kirchen können die Überbringer der frohen Botschaft sein. Leider beschäftigen sie sich heute allzu sehr mit sich und den zeitgeistigen Fragen. Ihr seelsorgerlicher und verkündigender Auftrag ist in den Hintergrund getreten, weshalb wir im Sinne der lutherischen Anregung am „Priestertum aller Gläubigen“ festhalten sollten – und selbst die besten Prediger sind. Deshalb verkommt der Stellenwert der Kirche im Alltag der Menschen nicht ohne Grund zu einer Nebensache: Sie finden dort keine Antworten mehr, weil von den Kanzeln Politikerreden geschwungen werden, die wir gleichsam am TV-Bildschirm haben können. 

Deshalb verstehe ich es gut, wenn sich gläubige Christen der Kirche entsagen und stattdessen eine fromme Existenz abseits der Gemeinschaft wählen. Die Taufe ist universell gültig, sie ist nicht zeitlich oder an die Mitgliedschaft in einer Konfession gebunden. Unser Bekenntnis zu Gott formt sich aus der Zuwendung zu ihm, keinesfalls ist sie abhängig davon, ob ich in einer religiösen Gruppierung verwurzelt bin. Im Gegenteil: Oftmals sind wir heute durch die Kirchenmitgliedschaft von klein an sozialisiert worden und bekommen erst recht spät die Chance eingeräumt, souverän über die weitere Zugehörigkeit zu befinden. 

Daher ist das Freisein von der Institution ein gangbarer Weg der Emanzipation eines Jeden, der sich für seinen Gottesglauben ohne Kirche niemandem rechtfertigen muss. Viel eher geben uns die Worte der Schrift Anleitung genug, wie wir unsere irdische Existenz allein unter Segen und Zustimmung des Herrn behaupten können. Religiöse Praxis in Gemeinschaft kann Überzeugungen bestärken; sie ist für unseren Glauben aber nur ein Zubrot.

Dennis Riehle - 09:28 @ Glaube

Respekt vor den Soldaten, Kritik an der Armee

Leserbrief
zu: „Bundeswehr-Aussagen der Linken sorgen für Empörung“, „HL-LIVE“ vom 04.11.2021

Nein, nicht die Aussagen der LINKEN in der Lübecker Bürgerschaft befremden. Viel eher sind es die Vorwürfe der Christdemokraten gegen die pazifistische Haltung der Linksfraktion. Es ist gar empörend, wenn sich die CDU anzumaßen versucht, Geschlossenheit und Respekt vor dem eigenen Land mit der Unterstützung der Bundeswehr zu verknüpfen. Niemand „entfernt“ sich von unserem Staat, wenn er die Armee und die zunehmende Militarisierung auch der Bundesrepublik in berechtigte Frage stellt. 

Im Gegensatz zu anderen Parteien verfolgt DIE LINKE eine konsequenten Skepsis und Ablehnung gegenüber gewaltsamer Konfliktlösung in den Ländern der Welt – und hat sich damit als echte Friedenskraft etabliert. Insbesondere unter dem Aspekt der deutschen Geschichte scheint es dringender denn je geboten, unser Land zur Neutralität hinzuführen und zum diplomatischen Moderator von internationalen Auseinandersetzungen fortzuentwickeln.  

Langfristiges Ziel muss es sein, die Truppe zu einem vorrangigen Unterstützer in der Katastrophenhilfe umzustrukturieren. Denn es ist das oberste Ziel unserer Gesellschaft und unseres Parlaments, den Dialog zu fördern und Kriege abzuwenden. Selbiges kann aber nur gelingen, wenn wir die Bundeswehr aus einem gewissen Abstand betrachten und ihren derzeitigen Status auf den Prüfstand stellen. Das hat – im Gegensatz zur Meinung der CDU in Lübeck – nichts mit Misstrauen gegenüber den Soldaten zu tun. Sie leisten ihren Dienst in den allermeisten Fällen in größter Verantwortung und Sorgsamkeit – und können daher nicht Ziel antimilitärischer Kritik sein.

Pazifismus und seine ablehnende Haltung gegenüber jeder Form von Waffengewalt ist vom Grunde her auf die Institution der Armee gerichtet, nachdem davon ausgegangen werden kann, dass sie auch im 21. Jahrhundert in Mitteleuropa vornehmlich nicht der Landesverteidigung dienen muss, sondern als Kampftruppe in den Krisenherden rund um den Globus zum Einsatz kommt. Zweifelsohne bleibt in manchen Fällen lediglich die Intervention durch Armeen als letzter Ausweg, um weiteres Blutvergießen zu verhindern. 

Dennoch muss uns die Vision eines friedlichen Zusammenlebens leiten, wozu eben auch die klare Aussendung gehört, weltweit abrüsten zu wollen. Wenn es niemanden gibt, der dieses Ziel ernsthaft und sichtbar verfolgt, bleibt es eine Utopie. Daher ist es Auftrag einer linken Stimme in Deutschland, die Zweifel an militärischem Handeln und kriegerischen Außeneinsätzen aufrechtzuerhalten. 

Die Wertschätzung gegenüber des Soldaten als Menschen mit seinem Entschluss, für die Bundesrepublik einzutreten, schmälert dies in keinem Fall. Im Gegenteil: Pazifisten sorgen sich um die Sicherheit und das Wohl von Bundeswehrangehörigen. Deshalb sind die Vorwürfe der Lübecker Christdemokraten gegen DIE LINKEN als verleumderisch und böswillig zurückzuweisen.

Dennis Riehle - 09:27 @ Politik

Die Ausschluss-Partei

Leserbrief
zur erneuten Diskussion über einen möglichen Parteiausschluss von Sahra Wagenknecht vom 05.11.2021

Ausschluss hier, Ausschluss dort: DIE LINKE tut sich keinen Gefallen damit, sowohl im personellen, wie auch im thematischen Bereich immer öfter auf „Ausschluss“ zu setzen. Es bringt die Partei nicht weiter, wenn sie sich vermeintlich unliebsamen Mitgliedern zu entledigen versucht – und gleichzeitig auch noch inhaltliche Beschränkungen für die kommende Legislaturperiode vornimmt. 

Ich teile viele Ansichten von Sahra Wagenknecht auch nicht. Dennoch würde ich meiner Partei dringend dazu raten, sich über die Öffentlichkeitswirksamkeit von Parteiordnungsverfahren Gedanken zu machen. Die Möglichkeiten zum Ausschluss von Anhängern sind nicht dafür gedacht, Menschen mit abweichenden Meinungen aus den eigenen Reihen zu entfernen. 

Pluralismus ist in einer Demokratie zentral – und muss daher auch in politischen Vereinigungen gelebt werden. Massive Schädigungen sehe ich durch die umstrittene, gleichsam aber vielerorts geschätzte Bundestagsabgeordnete nicht. Zwar hat sie durch zugespitzte Äußerungen Aufmerksamkeit auf sich gezogen, gleichsam aber den Finger in die Wunde der sachlichen Ausrichtung der Partei gelegt. 

Wer skeptisch gegenüber Impfungen ist, wird nicht sofort zu einem potenziellen Verschwörungstheoretiker. Wer sich Sorgen um eine ungeordnete Migration nach Deutschland macht, ist noch lange kein Rassist. Und wer abgehobene Diskussionen über Gendersternchen als das Aufbegehren einer „skurrilen Minderheit“ bezeichnet, mag in seiner Wortwahl vielleicht ungeschickt gewesen sein – hat aber letztlich das Problem der Linkspartei von heute auf den Punkt gebracht: 

Ich bin Sahra Wagenknecht dankbar dafür, dass sie einen wesentlichen Beitrag zur Aufklärung des desaströsen Wahlergebnisses vom 26. September 2021 geliefert hat. Die Hinwendung zu den Fragen, die die Menschen vor Ort bewegen – diese Forderung sollte die Partei ernstnehmen. Insofern ist es zwar richtig, dass sich die Bundestagsfraktion insbesondere den sozialen Anliegen widmen will. 

Gleichermaßen hat Wagenknecht aber auch darauf aufmerksam gemacht, dass darüber hinausgehende Themen von Bedeutung sind, so lange sie nicht ein bestimmtes Klientel in ihren Forderungen und Ansicht über das Maß hinaus hoffieren. Es ist ein Verdienst der erfahrenen Parlamentarierin, dass ein inhaltliches Umdenken in der Linken begonnen hat. Insofern gilt: Wer quer denkt, muss nicht automatisch „Querdenker“ sein. 

Wagenknecht hat der Partei keinen Schaden zugefügt, sondern ihr die Augen geöffnet. Ich bin dafür, dass wir parteiinterne Konflikte nicht mit medial begleiteten Ausschlussverfahren auflösen, sondern durch konstruktiven Streit über unterschiedliche Ansichten. Ich möchte nicht, dass sich bestimmte Flügel und Richtungen eine Partei zurechtschneiden, die nach ihrem Willen und Denken ausgerichtet ist. Als Linke waren wir stets streitbar, das sollten wir auch bleiben. Denn nichts verletzt das Ansehen einer politischen Kraft so sehr, wie der krampfhafte Versuch, sie auf Linie zu bringen. Ich bin froh, in einem Land zu leben, in dem die Freiheit ein so hohes Gut ist. 

Deshalb ist mir auch die Vielfalt an Positionen so wichtig. Und auch, wenn ich die Sichtweisen meines Gegenübers oftmals nicht teilen kann, liegt mir das Ansinnen fern, ihn aus den Augen und aus dem Sinn zu schaffen. Ohne Widerstände können wir nicht wachsen. Und Gedeihlichkeit ist das, was DIE LINKE in ihrem momentanen Zustand am meisten gebrauchen kann.

Dennis Riehle - 09:24 @ Politik

02.11.2021

Wahrhaftigkeit oder Spiel?

Leserbrief
zur Forderung nach dem Einsatz von bewaffneten Drohnen für die Bundeswehr, „FAZ“ vom 02.11.2021

Es hätte mich sehr gewundert, wenn der Befehlshaber für die Auslandseinsätze nicht irgendwann mit der Aussage auf sich aufmerksam gemacht hätte, wonach er für die Truppe bewaffnete Drohnen fordert. Deshalb ist seine aktuelle Einlassung wenig verwunderlich, aus pazifistischer Sicht aber gleichsam inakzeptabel. 

Wenngleich die Argumente mittlerweile ausgetauscht sein dürften, bleibt die ethische Frage gestellt. In Zeiten von nicht-analogen Konflikten muss sich die Menschheit ohnehin mit ganz grundsätzlichen Aspekten befassen: Sollen, können und dürfen wir alles, was möglich ist, auch tatsächlich umsetzen? Wann ist die Gefahr zu hoch, dass uns die menschenerschaffene Technik und Digitalisierung selbst übermannt? Und welche Grenzen des Transhumanismus dürfen wir allein aus moralischen Gründen nicht überschreiten, um uns vor den Folgen unseres eigenen Handelns zu bewahren? 

Würde diplomatische Völkerverständigung gelingen und die Vernunft des Menschen funktionieren, bräuchten wir uns um Kampfdrohnen keinerlei Gedanken machen. Doch allein das Beispiel der Atomkraft zeigt, dass Ideologien und Machtbestrebungen jeglichen Verstand außer Kraft setzen und zunächst für friedliche Verwendung gedachte Mittel zweckentfremdet werden. 

So ist es auch im aktuellen Beispiel: Diese fliegenden Objekte können für die Zivilisation eine wichtige Erleichterung bringen. Doch je weiter sich der Mensch von seiner Naturbeschaffenheit entfernt und zwischen den Urzustand und sich selbst immer weitere Mechanik setzt, umso mehr verliert er das Gespür für die Auswirkungen seines Agierens. 

Wer aus weiter Entfernung Drohnen lenken und mit einem einzelnen Knopfdruck Tod bringen kann, dürfte im Zweifel schon allein deshalb zum Waffengebrauch bereit sein, weil er vor dem Bildschirm jegliche Empfindung für die Realität verliert. Das machen Verhaltensbeobachtungen gerade bei jungen Personen, die unter exzessivem und nahezu suchtartigem Gaming leiden, überaus deutlich. 

Wir kommen dann nicht umhin, uns in eine Scheinwelt zu begeben und den Kontakt zur Wirklichkeit zu verlassen. Damit entfällt auch jegliches Gefühl der Sittlichkeit und der Respekt vor dem tatsächlichen Leben. Es wird auch dem erfahrenen Militär nicht gelingen, den nötigen Abstand zu wahren und die gebotene Zurückhaltung zu üben. Dafür würde es dem in der Einsatzzentrale sitzenden Bundeswehrangehörigen mithilfe der Idealisierung des Hybriden zu leicht gemacht, bei Bedarf den Gegner per Mausblick zu eliminieren. 

Unabhängig vom Faktum, dass gerade in einer flexibilisierten Zukunft der Dialog gegenüber einem vorschnellen Kriegseinsatz ohnehin an Bedeutung gewinnen muss und Gewalt als Mittel zur Lösung von Krisen geächtet werden sollte, wird die Wertegemeinschaft nicht umhinkommen, sich auf ihre Verantwortung zu besinnen und unser Dasein nicht zu einem Spiel verkommen zu lassen.

Dennis Riehle - 13:21 @ Politik